Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 381 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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380 A. Zweig, Zum Problem des jüdischen Dichters usw. *un& gebunden; denn nur das gleichsam menschlich Lebende ist dem Menschengefühl zugänglich;nur in derartig Geformtes kann der Aufnehmende sich hinein wandeln; anderes, das ihm unzugänglich bleibt, kann er bestenfalls glaubend hinnehmen. Diese Sinnlichkeit des Gestaltens nun hat jeder jüdische Dichter, sofern ihm lebende Menschen gelingen, in hinreichendem Maße, und ein Mehr ist nicht vonnöten. (Lyrik bedarf einer eigenen Betrachtung, für die man mir den Raum verweigern muß, wie für drei oder vier ins einzelne gehende Anmerkungen auch; z. B. hätte beim unsinnlichen Poeten die von Strauß Heft 1, Seite 15, zitierte Stelle der hohen Lieder lauten müssen: „Sein Haupt ist ein Licht Gottes" — „feinste Gold" ist ja gerade eminent sinnlich.) Denn weder darf Gottfried Keller noch George für den Typus des sinnlichen Dichters gehalten werden. Die Unschuld der Sinne aber des Erlebenden muß dahin eingeschränkt werden, daß die heutige differentielle Psychologie (William Stern) die Menschen nach ihrer sinnlichen Anlage in Typen einteilt gemäß der Art, wie sie sich erlebend verhalten: in motorische, sensorische, in akustische oder optische und derartig scheidend. Keine Art ist unfähig, von einem Künstler vertreten zu sein; jede kann einen Dichter eben in ihrer Art erzeugen, dessen Werk dann wieder Menschen desselben Typs besonders rein anspricht. Nun hat Buber längst gesehen, wohin der Jude gehört (Drei Reden, S. 75, 79, 90); und wenn nun Menschen dieser Typs, in Städten erwachsen, vor die Natur treten, mit der ganzen Erschütterung dessen, der nicht in ihr erwachsen ist, der zudem, in Geschäftigkeit eingespannt, allzuselten Zeit und Feiertag für sie hatte: so soll er „Unschuld" der Sinne haben? Er ist viel zu sinnlich dafür! Er reißt sie mit Leidenschaft an sich, und mag noch beim Gestalten von seinem Erlebnis zittern (man lese, man lese den Anfang des Kaspar Hauser!). Aber die Selbstverständlichkeit des Erlebens kommt, sobald man vertraut wird mit dem Leben, und sehr bald könnten wir eine Generation naiver Juden haben, selbst solcher, die nicht in Palästina erwachsen sind . . Aber man läßt uns keine Zeit, man bricht über uns den Stab, Die Deutschen haben von Wolfram bis Klopstock 500 Jahre gebraucht (über den 30jährigen Krieg orientiere man sich bei Gundolf), und in ihrer Gegenwart sehe ich außer Rilke kein Talent, das wesentlich runder, weiter, größer wäre als Buber oder Wassermann; wir leben in der Zeit der Einseitigen. Die Norweger haben, ja der ganze germanische Norden hat nicht einen Musiker von Rang erzeugt (man verschone mich mit Grieg, Sinding und derartigem), haben vor Strindberg und Hamsun, vor Ibsen und Jacobsen kein Talent von einiger Weite und Tragkraft gehabt — aber wer hätte wagen