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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 380

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland
Date
1913-10-08
Page
Seite 380 (sequence 5)
Language
German
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A. Zweig, Zum Problem des jüdischen Dichters usw. 379 legend vor der heutigen Dichtung der Deutschen! Daß aber der Jude länger in solcher Haltung verharrt, sehe ich völlig erklärt von seinem Städtertum, Der Jude ist Stadtmensch, nicht von Geburt, aber historisch erzwungen; ja er ist, aus jenem rührenden und tiefen Drange heraus, irgendwie eine breite Gemeinschaft zu haben, mit vielen seiner Art zusammenzusein, der Mensch der Großstadt Die Großstadt wird ihm zum Surrogat für die verlorene Gemeinschaft des Volkes im eigenen Staat. Niemand aber ist so preisgegeben an die Kultur als der, dem statt Gras Asphalt die Wege bezeichnet, und dessen Horizont von Häusern umgürtet ist, statt von Bäumen und der weithin schwingenden Ebene, Das Leben, das er erfährt, ist das Leben gesiebt durch die Kultur; er erwächst unter der stets wechselnden Bestrahlung der verschiedensten „Bildung" — und man müßte Wunder sehen, wenn die Juden heute andere Dichter hätten, als sie haben. In diesem Städtersein sehe ich den Grund auch für das Mangelnde, das nicht allein Bab, sondern auch Strauß in ein konstitutives Moment des Juden verwandeln, und das der letztere in die biblische Lyrik rückwärts projiziert, wobei er übersieht, daß es neben der an Bildlichkeit orientierten Lyrik eine andere gibt, die sich dem Musikalischen nähert. Dem Juden soll eine gewisse naive Sinnlichkeit fehlen; er müsse alles durch die Reflexion treiben; darin finden sich die beiden Gegner — nur folgert der erste: darum sind sie keine Dichter, und der andere: aber sie sind trotzdem Dichter. Mit dieser „Sinnlichkeit" sind in der Debatte sehr verschiedene Bedeutungen verbunden worden, die das Verständnis sehr erschwert haben; anstatt sie zu zergliedern, wende ich mich an den Gegenstand selbst und frage: welchen Ort kann die „Unschuld der Sinne" in der Theorie der Kunst haben? Soweit ich sehe, einen zweifachen: sie wTirkt mit beim Erleben der Welt, das dem Werke vorangeht, und beim Formen dessen, was nach Außen drängt, beim Gestalten. Für das antike Judentum ist beides bewiesen durch eine der größten epischen Dichtungen, die es gibt, durch die grandiose und ebenso schlichte Dichtung der Urgeschichte des Volkes Israel von den Urvätern bis zum Horeb; hier, bei der Epik, wird man anzufragen haben, wenn man über erlebende und gestaltende Naivität Auskunft haben will. Für das neuere Judentum spaltet sich das Problem wieder in seine beiden Teile. Ich sage zunächst, daß ich allerdings mit Bab überein bin: ohne Sinnlichkeit keine Kunst; in folgendem Sinne nämlich: wenn Kunst dadurch charakterisiert wird, daß sie Werte (ästhetischer, ethischer, nationaler oder anderer Art) zum gefühlsmäßigen Erleben bringt, so ist sie für Menschen an Sinnlichkeit des Ausdrucks, d. i. Gestal-

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