Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 382 (sequence 7)
- Language
- German
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LA, Loubetzky, Zwei Epochen jüdischer Literatur. 381 wollen, sich zu erdreisten, ihnen in alle Zukunft die Möglichkeit dafür zu versagen? „Die Juden sind — bei allen reichen Gaben nie Dichter im großen, elementaren Sinne des Wortes/' Nie* Bin ich ein Apologet der Gegenwart? Aber man erlaube mir, für den Fall, daß man das findet, auf den Essai zu verweisen, den Ich im Sammelbuche des Bar-Kochba habe drucken lassen, das unterdes erschienen ist. Ich verstehe Babs Stellung, ich habe Sinn und Achtung für die gramvoll ehrliche und schonungslose Selbstverurteilung, die dieser Kritiker und Dichter an sich übt, indem er sie an den Juden übt. Ich weiß, daß hier eine Generation vor der unseren spricht, und daß von Strauß zu Bab darum keine Brücken führen. Denn die Idee des liberalen Menschen — sie ist nicht die unsere. Wir wissen, daß eine Birke um so völliger Baum ist, je mehr sie Birke ist, eine Eiche aber, je stärker sie das Eichenhafte ausdrückt; und daß, wTenn man mittels Abstraktion zu dem Baum an sich zu kommen gedächte, nicht Baum-, sondern Besenhaftigkeit das Ergebnis wäre. Ja, dieses Wissen geht so weit, daß ich der Aufforderung des Herausgebers nicht gefolgt wäre, wenn erstens die Diskussion nicht unter Juden erfolgt wäre — ich habe an der sogenannten Kunstwartdebatte nicht einmal lesend teilgenommen, weder aus Trägheit noch aus Ostentation, sondern einfach, weil ich weiß, daß es hoffnungslos ist, ehe das Judentum zur Selbstbesinnung gekommen ist, Nichtjuden jüdische Probleme auch nur begreiflich zu machen — und wenn es zweitens nicht sehr wohltätig wäre, einmal zu sagen, wo man sich befindet, ehe man seinen Weg guten Mutes weitergeht. Zwei Epochen jüdischer Literatur. Von J. A. Loubetzky. Selten kommt es vor, daß der Reformator, der im Leben und in der Literatur neue Ideen und Formen predigt, in seinem Schaffen diese neuen Ideen und Formen verwertet; meistens steckt der Prediger der Zukunft selbst noch ganz in jenen alten Ideen, die er bekämpft. Dasselbe sehen wir auch in unserer neuen Literatur: Am Anfange ihres Seins bestand sie völlig aus „Haskalah". Ihre ganze Atmosphäre war mit dem Rufe nach Bildung und europäischem Wissen gesättigt. Allein im Wesen ihres Schaffens war sie durch und durch jüdisch. Später warf sie die „Haskalah" von sich und begann die Natio-