Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 379 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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378 A. Zweig, Zum Problem des jüdischen Dichters usw. Voraussetzung, von der aus sie ihre — vielleicht irrigen — Maßregeln trafen, während die Talente, die die zu dieser Prognose ermutigten, Weiße hießen und König und Kyra und bestenfalls Uz oder Günther, Nur ein Jude, nur Juden von heute vermögen zu gestehen, daß ihr Volkstum unmännlich und ohne Mark ist — während Talente am Werk sind, die man den eben genannten vermutlich nicht unterordnen wird — jene fünf oder sechs Dichter, deren Namen jeder weiß. (Ich höre schon, daß man mir entgegnet, nicht Talente vermisse man, sondern das Genie. Man macht jenen Schnitt zwischen Talent und Genie, der das eine ins Gebiet des Vernünftigen, das andere in das der Offenbarung verweist. Nun halte ich weder Raum noch Gelegenheit für günstig, hier zur Theorie des Genies auszuschreiten. Man lese, wenn man sich vor den Schlingen der wildernden Mediziner Lombrososcher wie Freudscher Richtung hüten will, den grundlegenden Vortrag Franz Brentanos *) und denke weiter, um zur Erkenntnis zu gelangen, daß zwar Genie nie von rechnender Klugheit ersetzt werden kann, wie Bab will, daß aber das echte Talent alle jene Elemente enthält, die auch, nur in anderer Synthese, Genialität konstituieren, und daß daher kein Mensch das Recht hat, dort, wo Talente (nicht nachempfinden, sondern) quellend gebären, die Möglichkeit des genialen Schöpfers von vornherein absprechend auszuschließen. Wenn ich mich aber frage, warum Bab, der doch ganz dasselbe Tatsachenmaterial bearbeitet, auf das auch ich mich, um überhaupt etwas sagen zu können, hier beschränke, zu so ganz anderem Ergebnis kommt, so glaube ich zu sehen: nicht auf das wahrhaft erfahrene Leben gründet er sich, sondern auf das Erfahrene schlechthin. Wahrhaft erfahren ist für mich: das Wesentliche, das Gesetzliche zu sehen, das Zufällige aber auszulassen und auf seine Bedingtheit zurückzuführen; während er — darin guter Kritiker — mit der Achtung, die er dem Wirklichen spendet, auch das nur Gelegentliche überschätzt Jederzeit war es so, daß im Anfang einer Literatur der Produktive das richtunggebende Erlebnis nicht vom Leben selbst empfing, sondern von schon geformtem und verarbeitetem Leben, von einem Kulturmaterial, das fertig vorlag und dem tastenden Material so sehr viel näher und leichter zu bewältigen war als das wilde Dasein: vor Wolfram, der selbst auf einem Dichter fußt, steht Gottfried und Hartmann; vor Lessing-Schiller übersetzt und kopiert man Corneille-Racine; der Sturm und Drang liest erst Shakespeare, ehe er zu erleben beginnt, und wieviel Uebersetzung steht grund- *) Franz Brentano, das Genie Lpz. 1892. Im einzelnen überholt; aber für die Methode grundlegend.