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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 378

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Zum Problem des jüdischen Dichters in Deutschland
Date
1913-10-08
Page
Seite 378 (sequence 3)
Language
German
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A. Zweig, Zum Problem des jüdischen Dichters usw. 377 quillt, Kunst, Philosophie, Religion, geht ihnen ab. Ihre Religion ist tot, ihre Philosophie springt aus negativwertigen Gründen (man kennt das Verschen Nietzsches über Spinoza), und einen großen Künstler sucht man bei ihnen vergeblich — also ist dieses Volk von Dieben wertlos, und man schlägt es am besten tot. Dies sind die grotesk gemalten Konsequenzen einer Einstellung, unter der heute die Juden und nur die Juden gesehen werden: und solange man ihnen abspricht, daß sie überhaupt fähig sind, einen genialen Dichter zu erzeugen, leugnet man ihrem Volkstum den zentralsten Wert, denn der Dichter ist, weil er zunächst nur zu seinem Volke und von ihm redet — und erst durch das Volk hindurch zur Menschheit — für Volkswert der echteste Repräsentant. Philosophen sind übersetzbar, und der Religionsstifter meint nur die Seele; der Dichter aber, der unübersetzbare, steht für das Volk, aus dem er kommt. Es gibt nämlich noch eine andere Art, die Tatsache, daß die Juden geniale Künstler nicht aufweisen können, in einen Denkfluß einzustellen. Man könnte zum Beispiel in das echte, tiefe Sichwundern geraten, angesichts der Tatsache, daß es überhaupt jüdische Dichter in Deutschland gibt Wir haben deutsch denkende Juden seit längstens 150 Jahren. In dieser Zeit haben sie es fertig gebracht, die deutsche Welt mit all ihren Wandlungen so in sich aufzunehmen, daß sie neue Inhalte in diese Welt einfügen können. Man begreife aber, was das heißt; niemand kann dichten, der noch damit beschäftigt ist, zu verarbeiten, zu lernen, die Grundlinien und — Farben des kulturellen Seins erstmalig vor der staunenden Seele zu erleben. Erst das Gewohnte wie ein Neues sehen, heißt Begabung; dazu aber muß Gewohntes vorhanden sein, ja, die ganze Existenz muß erst einmal Gewohnheit im wahren Sinne geworden sein: der Geist der Sprache muß vertraut sein, der Umfang der Kultur in seiner ganzen Breite und Erfülltheit selbstverständlich; die Seele des Einzelnen muß schaltend und verfügend sich wieder regen wollen, damit überhaupt die Erscheinung des Dichters sich einstellen kann. Nun denn: das erste Talent der Deutschen in diesem Sinne war Wolfram — oder, damit wir in näherer Zeit verweilen, das erste seit Sachs war Klopstock. Von Anfang des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts fehlte den Deutschen nicht nur ein originales Talent, sondern jede originale Literatur; man weiß das. Was aber sagten diejenigen, denen dieser Mangel schmerzlich ins Herz drang, die Gottsched, Bodener, Friedrich II.? Sie sagten nicht einmal: wir werden große Dichter haben, sondern sie versuchten sofort, an ihrer Heraufbringung zu arbeiten. Dies Grundgefühl: wir werden große Dichter haben, dereinst, bald — dieses Grundgefühl war ihnen eine selbstverständliche

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