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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 373

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1913-10-08
Page
Seite 373 (sequence 3)
Language
German
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372 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. juden allein repräsentierend oder die weit überwiegende Mehrheit sind. Kommt man aus einem Orte ostjüdischer Niederlassung an einen solchen, wo Westjuden wohnen, so findet man — von belang- und kulturlosen Ghettoüberresten oder neuen ostjüdischen Kolonien abgesehen — keine jüdischen Straßen und Stadtteile. Sind aber irgendwo doch Straßen und Stadtteile vorhanden, in denen die überwiegende Mehrheit der Bewohner aus Westjuden besteht, so weisen sie gegenüber der übrigen Stadt höchstens ein leises Schwanken in der Stimmung, niemals aber einen wesentlich anderen Charakter auf. Mit einem Worte: Man vermißt jenes in tausend bedeutenden und unbedeutenden Einzelheiten sich ausdrückende positive Volksleben, das man von den Ostjuden her gewohnt ist. In den kleinstädtischen Zwerggemeinden, — deren es übrigens immer weniger gibt —, ist wenigstens hie und da noch ein Ueberrest jüdischer Traulichkeit anzutreffen. In den großen Städten verflüchtigt sich auch dieser. Es gibt da jüdische Bekanntenkreise und Familien, aber ihre Gegenseitigkeit hat keine Spur von höherer Einheit und Stil mehr. Und auch wo Zahl als Voraussetzung gegeben ist, bildet sich doch keine jüdische Masse. Blickt man tiefer, so lernt man das alles begreifen. Zunächst ist die Zahl derjenigen, die streng nach dem jüdischen Religionsgesetze leben, schon seit geraumer Zeit verschwindend klein. Die Folge davon ist, daß die Gesamtheit — die wenigen Gesetzestreuen eingeschlossen — ohne die Fülle spezifisch jüdischer Lebensformen bleibt, die sich eben dort ergibt, wo das allgemein rezipierte Religionsgesetz die Basis dafür liefert. Und mit diesem Mangel steht wohl in Zusammenhang, daß auch die jüdischreligiöse Idee als solche, das Judentum, nicht jene Trieb-, Gestaltungs- und Charakterisierungskraft aufweist, die wir an der Ostjudenheit so reichlich feststellen konnten. Wohl treten noch von Zeit zu Zeit Persönlichkeiten von beträchtlicher Geistes- und Herzensbegabung auf, die etwas wollen, aber ihrem Wollen ebenso wie ihrem Wirken fehlt der Hintergrund der Volkskraft. Und man braucht nur die winzige und fast parteimäßig orientierte westjüdische Neuorthodoxie mit der gewaltigen Lebensmacht der jüdischen Altgläubigkeit im Osten, man braucht nur den rationalistischen Blasebalgwind der westjüdischen Reform mit der religiösen Elementargewalt des chassidischen Sturmes zu vergleichen, — um nicht mehr versucht zu sein, westjüdische Religionsbewegungen als etwas anzusehen, was Volksschicksal ist oder werden könnte.

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