Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 372 (sequence 2)
- Language
- German
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. 371 ehern, Asch, Pinski, Rosenfeld, Jehojesch, Reisen. Auch wuchs bezeichnenderweise aus dem doch gut- und positivjüdischen Gesamtmilieu der Spaniolen keine neuhebräische Literatur hervor. Dieses augenscheinliche Kräftedefizit muß natürlich seine Ursachen haben. Die allgemeine Versunkenheit des Orients in den letzten Jahrhunderten ist sicherlich nicht die einzige. Weit mehr kommt vielleicht die Kleinheit der betreffenden Gruppen im Verein mit ihrer ganz besonders scharfen Abgrenzung gegenüber dem europäischen Gros der Judenheit in Betracht. Dadurch wurde ihnen nicht nur die Möglichkeit benommen, sich aus eigenen großen Menscheureserven zu verjüngen, sondern auch schwierig gemacht, sich aus verwandten beeinflussen zu lassen. Wo doch Einflüsse festzustellen sind, sind es zumeist solche zerstörender Art, — aus einem Lager kommend, das nicht mehr an gemeinsames Judentum, sondern an gemeinsame Judentums-Müdigkeit appelliert. Im übrigen soll damit nicht gesagt sein, daß die orientalischen Juden nicht wieder zu größerer Fruchtbarkeit ihres Judentums gelangen können. Die erste Voraussetzung solcher Möglichkeit, autonomes jüdisches Leben, besitzen sie ja noch. Solange sie dieses nicht verHeren, ist nichts verloren. Und überhaupt sollen alle diese Bemerkungen nur dazu dienen, das tatsächliche Lebensübergewicht der Ostjuden gegenüber den orientalischen Juden festzustellen, nicht aber aus der geschichtlich gewordenen Verschiedenheit der Gruppencharaktere einen grundsätzlichen Gegensatz zu konstruieren. Nicht dort liegt ein Gegensatz vor, wo es sich um verschiedene Verkörperungen, Erfüllungen des jüdischen Grundplans handelt, sondern wo sich festgefügtes jüdisches Lebens- und Kultursystem und lose jüdische Gemeinschaft ohne eigenes jüdisches Lebensgesetz, wo sich jüdisches Volk und so und so viel jüdische Leute mit jüdischen Reminiszenzen gegenüberstehen. Von diesem wirklichen Gegensatz haben wir den einen Teil kennen gelernt. Jetzt wollen wir uns den anderen ansehen. Ich spreche von den Westjuden. Der Name Westjuden hat seinen Ursprung und seine relative Berechtigung darin, daß sich der Typ, den er bezeichnet, in Westeuropa (Deutschland und West-Oesterreich miteingerechnet) ausgebildet hat und hier bis auf den heutigen Tag die Judenheit repräsentiert. Aber so wie die Bezeichnung Ostjuden nicht einwandfrei ist, ebenso ist auch die Bezeichnung Westjuden nicht ganz zutreffend. Denn es gibt heute westjüdische Ansiedlungen auch in Ländern, in denen die Ost- oder Orient-