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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 374

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1913-10-08
Page
Seite 374 (sequence 4)
Language
German
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. 373 Nun kommt zu diesen Erscheinungen, dem Hinweggefegtsein des Religionsgesetzes und seines ganzen großen Lebensüberbaus sowie der Sterilität der religiösen Idee, auch noch das hinzu, daß die Westjudenheit in keiner ihrer Gruppen über eine eigene jüdische Sprache verfügt. Es geht ihr also nicht bloß die alte, sondern auch die neu e, jene Kategorie ab, die es der Ostjudenheit ermöglicht, ihrer jüdischen Kulturindividualität immer neue Möglichkeiten hinzuzufügen. Das heißt: Es fehlen ihr alle Voraussetzungen einer jüdisch-lebendigen jüdischen Gemeinschaft Auch ihre verhältnismäßig jüdischste Gruppe, die deutsche Ju~ denheit, macht hierin keine Ausnahme. Natürlich ist die Feststellung dieser Tatsache ebensowenig für die Westjuden beleidigend, wie die Anerkennung der Tatsache des großen ostjüdischen Kulturbaumes einer Bewunderung oder gar Anbetung der Ostjuden gleichkommt Und ebenso, wie ich mich gegen die Unterstellung wehrte, als hätte ich bei den Ostjuden nur die Vorderseite der Medaille gezeigt, ebenso bestreite ich, daß ich von der westjüdischen xWedaille nur die Kehrseite sehen ließ. Ich hatte auch hier weder mit Vordernoch mit Kehrseite zu tun. Und da ich sogar der Versuchung widerstand, jene westjüdischen Untugenden zu nennen, die in der Tat nur dem Mangel eines eigenen Kulturrückhalts entstammen, hatte ich keine Veranlassung, westjüdische Tugenden aufzuzählen, die keine Elemente einer eigenen jüdischen Kulturindividualität bilden. Man hebt die Organisationsfähigkeit der Westjuden hervor. Zugegeben. Und ihre politische Schulung* Meinetwegen auch zugegeben, obwohl ich da schon nicht mehr so fest überzeugt bin. Aber das sind doch keine Befähigungen, die nur auf dem und dem Kulturboden, überhaupt oder in dem und dem Maße entstehen können. Das sind doch keine Form- und — wer bei der Nation auch nach solchen verlangt — keine Inhalts- oder teleologischen Elemente nationaler Kultur, weder bei den Juden noch bei irgend einem anderen Volke der Welt. Auch daß die Westjuden die Wissenschaft des Judentums geschaffen haben, wird unterstrichen, selbst von solchen, die diese Wissenschaft als „naiv, apologetisch und verlogen" bezeichnen* Ich halte mich nicht für kompetent, diesem Urteile beizutreten oder es abzulehnen. Aber mich dünkt: Auch wenn es vollständig falsch und die Wissenschaft des Judentums das Werk schärfsten Denkens, vollständiger Objektivität und wissenschaftlichster Gründlichkeit ist, — so wiegen doch tausend gegenwärtige Zentner mit Vergangenheit bedruckten Papiers einen Augenblick gelebten Lebens, die Grundlagen künftiger Wissen-

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