Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 352

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
Date
1913-10-08
Page
Seite 352 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119808-3120720--0629-3120810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw. 351 Jedoch — das Nur-Momentane im jüdischen Arbeiterleben repräsentierend, trägt der Bund alle Zwittermerkmale der Diasporamisere und die Unaufrichtigkeit eines Uebergangs- Stadiums. Zwischen der atomistischen und organischen Auffassung des Judentums, wie der Nationalität überhaupt, schwankend, erblickt zwar der Bund in der Nation einen „Organismus", der aber nur aus der Summe individueller Willensäußerungen hervorgeht Man spricht von einem Kollektivum, will aber nur das Individuum sehen. Das Momentane kann eben nur das Einzeljüdische, bestenfalls das Lokaljüdische erfassen, nicht aber das Alljüdische, denn dieses verlangt den über das Momentane erhabenen Höhenblick, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu umfassen strebt So kennt der Bund eine jüdische Nation in Rußland, eine in Galizien, eine in Amerika usw. Das Momentane kann die Gegenwart schauen, bestenfalls noch an der Vergangenheit träge haften, nie aber sucht es die Zukunft zu erfassen, geschweige denn, die zu gestalten. Nichts ist ihm so zuwider wie das Suchen, das Suchen nach dem „blauen Vogel" der „Utopie", wo doch so viele Sperlinge um uns herumhüpfen. — So weiß der Bund: heute existiert in Rußland eine Gesamtheit von Individuen, die sich Juden nennen wollen. Hie und da trägt er auch traditionalistischen Nachklängen der Vergangenheit Rechnung. Aber — wird die jüdische Nation auch morgen leben? Oder gar — soll was für die Sicherung ihrer Existenz unternommen werden? Hier bewahrt der Bund die kühlste Reserve: „wir sind neutral . . . ."*) Dem Momentanen ist die Zukunft — Schnuppe! Dieser Kirchturm- und Augenblicks- „Nationalismus" ist die letzte Verschanzung der assimilatorischen Intelligenz gegen den nationalen Sturmlauf des Volkslebens. Die zum „Moment", zur Gegenwartspraxis gewordenen Postulate des alljüdischen Sozialismus werden die Assimilation auch aus dieser Position zurückwerfen. Denn der jüdische Sozialismus war bisher stets und überall nur reine Theorie, ein abstrakter Gedanke, wie der jüdische Nationalismus im allgemeinen, wie das Alljudentum überhaupt. In seinen spezifisch-nationalen Grundzügen wurde der jüdische Sozialismus stets — direkt oder indirekt — vom jeweiligen Charakter der jüdisch-nationalen Bewegung beeinflußt. Aus Abwehr gegen den zionistischen Ansturm hat der Bund nationale Organisationsformen und eine scheinnationale, programmatische *) „Was könnte im Bilde des Weltalls das Verschwinden des Juden bedeuten!?" frug einst pathetisch ein angesehener Jude aus dem Generalstabe der russischen Sozialdemokratie . . ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.