Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 353 (sequence 8)
- Language
- German
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352 Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw. Phraseologie angenommen- Innerhalb des Zionismus ist in seiner heroischen Glanzperiode der proletarische Zionismus entstanden — die theoretische Aussöhnung des bisher „klassenlosen" jüdischen Nationalismus mit dem bisher „nationalscheuen" Sozialismus. Nach dem Uganda-Kongreß, wo der Zionismus sich als sterile bürgerliche Klassenideologie entpuppt hatte, hat der jüdisch-sozialistische Gedanke den Weg des Territorialismus eingeschlagen. Im Palästinaismus verharrte nur die poalei-zionistische Gruppe, die seitdem weder den jüdischen Sozialismus noch den jüdischen Nationalismus auch nur um eine Nuance bereicherte. In zwei Hauptrichtungen äußerte sich nunmehr im jüdischen Sozialismus der Territorialismus als regulatives Prinzip. Die „Zionisten-Sozialisten" („S. S."), die Judenfrage als historisches Wanderungsproblem par excellence auffassend und den Golus im Grunde negierend, stellten in den Mittelpunkt ihres theoretischen und propagatorischen Wissens die Wanderungs- und Kolonisationsprozesse im Judentum, Hier wurden die sozialwirtschaftlichen Grundlagen vieler Dissoziationsprozesse im Diaspora-Judentum aufgedeckt. Hier wurde die Losung der Regulierung und Organisation der jüdischen Wanderung und der allweltlich-jüdische Emigrationskongreß geprägt Die „S e i m i s t e n" dagegen, die Judenfrage als nationales Minoritätsproblem zum Ausgangspunkte ihres Programms nehmend, entwickelten allseitig die Idee der national-personalen Autonomie und betonten die Bedeutung der national-politischen Betätigung in den Diasporaländern überhaupt. Sie erstrebten die Dienstbarmachung der jüdischen Gemeindeorganisationen und der zu erkämpfenden national-politischen Repräsentation („Seim")t den Endzielen der jüdischen Renaissance. Es sind zwei Gedankenrichtungen, zwischen denen gewissermaßen eine ideologische Arbeitsteilung stattgefunden hat; beide einseitig in ihrer prinzipiellen Exklusivität, beide nicht imstande, aus dem Stadium der Propaganda und Agitation zu treten. Diese beiden Strömungen sind als Vorstufen eines tatkräftigen, im Volkstum wurzelnden und das Volksleben mitgestaltenden jüdischen Sozialismus zu betrachten. Der nächste organisatorische Aufschwung der politisch und sozial niedergedrückten jüdischen Arbeiterschaft wird die konkretere Ausgestaltung und eine rapidere Kräfteentfaltung des jüdischen Sozialismus herbeiführen. Der jüdische Sozialismus darf nicht bloß eine farblose, schablonmäßige Kopie von den allgemein-proletarischen Aufgaben sein, die der jüdischen Arbeiterschaft mit der allweltlichen gemeinsam sind — von diesen abstrahieren wir hier gänzlich, da