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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 351

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
Date
1913-10-08
Page
Seite 351 (sequence 6)
Language
German
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350 Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw. Wenn der sozialistische Jude heute in der Internationale das Judentum nicht repräsentieren kann und will, negieren und jedenfalls befehden soll er es nicht. Wenn er nicht den Mut hat, die jüdische Renaissance offen zu begrüßen und an ihr mitzubauen» Steine soll er auf ihrem Wege nicht häufen! . . . IL Innerhalb der östlichen Judenheit erscheint der Sozialismus zu Beginn ebenfalls als Aggregat sozialistisch gesonnener Individuen ohne jegliche organische Wurzel im jüdischen Volksleben. Der Sozialismus kam von außen, vom Hörensagen, aus den Büchern, bestenfalls vom Sehen, wie es bei den „Völkern der Welt" zugeht. Eine ideologische Gruppe von sozialistischen Kulturträgern für Popularisation und Propaganda sozialistischer Ideen im Judentum. Seine stärkste innere Triebfeder aber war nicht, wie bei jenen „Völkern der Welt", die soziale Emanzipation des vierten Standes (dieser war dann im Judentum noch ein Embryo), sondern — die politische Entfesselung der Juden, insbesondere aber des jüdischen Bürgertums vom absolutistischen Joche. Die bürgerliche Intelligenz gab den Anfängern des Sozialismus Farbe und Ton — die aschfahle Farblosigkeit des Kosmopolitismus und den grundfalschen Ton der Assimilation. Die jüdische Arbeiterklasse aber war nie an der Assimilation noch am Antinationalismus interessiert. So haben sämtliche Bewegungen im Judentum — dem intellektualistischsten aller Völker — mehr oder minder von der sterilen Hegemonie bürgerlicher Intelligenzler zu leiden. Das Ideal war — die Juden zu Fahnenträgern des Sozialismus oder aufrichtiger der Revolution in Rußland zu erziehen. Der organisch-jüdische Sozialismus konnte nur mit der Geburt und der Erstarkung einer jüdischen Arbeiterschaft, als Klasse, entstehen und mußte sich im harten Kampfe schrittweise gegen die assimilatorische Intelligenzhegemonie durchsetzen. Bald wurden spezifische jüdisch-proletarische Parole und Forderungen laut. Es entstanden jüdische Arbeiterorganisationen — der Bund. Die alltägliche Bedürfnisbefriedigung des jüdischen Arbeiters. Eine Organisation des ökonomischen und politischen Kampfes des jüdisch-sprechenden Teiles der gesamten Arbeiterschaft Rußlands. Dem jüdischen Arbeiter wurde die sozialistische Doktrin zugänglich gemacht, als fertiges Produkt, wie man es den umgebenden Nationen importiert hatte. Seine revolutionäre Energie wurde gesammelt, gestärkt und zu einem politischen Programm verdichtet. Zweifellos war es ein großes Verdienst, die atomisierte jüdische Arbeitermasse zu einer wohldisziplinierten, zähen Kampfesorganisation zusammenzuschließen.

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