Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 350 (sequence 5)
- Language
- German
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Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw 349 lismus nicht erlauben. Da ja der Sozialismus und die proletarische Solidarität das Verschwinden des Judentums als — Hemmnis in der Karriere voraussetzen. So wird das individuelle Renegatentum zum nationalen Programm, ja zur universalistischen Kulturtat erhoben. — Hier ist der wundeste Punkt in der Seele des sozialistischen Juden. Mag sein Herz voll Wehmut klagen ob den Qualen und der Schmach, die seinen Leidensbrüdern allerorts zugefügt werden, er darf keinen Judenschmerz fühlen, nur den Weltschmerz; er darf kein Judenproblem sehen, nur ein Christenproblem — den Antisemitismus. Und auch diesen darf man nicht bekämpfen, sondern man muß ihm willfahren, ihm zuliebe — verschwinden . . . Mag der sozialistische Jude in seinem Herzen den hehren Volkstraum vom jüdischen Freiland noch so hegen, verdammen muß er in Wort und Schrift den „verderblichen Separatismus", die „nationalistisch-klerikale Utopie" . . . . Ein tiefer moralischer Zwiespalt, eine große Lüge, genährt vom Lettmotiv: „Verschwindet!" lastet auf der Beziehung des sozialistischen Juden zu seinem Volke. „Verschwindet!" — daher: gilt es vom Judentume etwas zu fordern, ihm etwas zu nehmen, so heißt es: die Juden seien allen anderen gleich, warum eine Ausnahme machen? . . . . „Verschwindet!" — daher: gilt es dem Judentume etwas nicht zu gewähren, seine nationalen Forderungen zu bekämpfen, abzuweisen, dann heißt es wieder: die Juden seien eben ein eigen Ding und dürfen nicht beanspruchen, was allen anderen gebührt ... So spinnt immer und überall das jüdische Hirn, was nichtjüdische Herzen bewegt. Denn — noblesse oblige. Fungiert man als wohlinstallierter Theoretiker einer Bewegung, muß man hie und da auch ihre Unzulänglichkeit und Ungerechtigkeiten rechtfertigen, selbst wenn es sich um die „Begründung" abezw. antisemitischer Postulate handelt .... Noch ist die positiv aufbauende und leitende Rolle des Intelligenzjuden im Sozialismus nicht zu Ende gespielt. Auch gibt es meistens für ihn — im Westen — kein anderes Feld sozialistischer Betätigung. Es ist daher kaum zu erwarten, daß man hier bald von der atomistisch-assimilatorischen Auffassung des Judenproblems lassen werde. Aber mit der häßlichen Zwitterhaftigkeit, mit den famosen theoretischen Todesverkündungen muß aufgeräumt werden. Alles führt dahin — die abwehrende Geste von außen, wie das erwachende Bewußtsein der organischen Einheit und Eigenheit im Innern.