Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Sozialistischer Jude und jüdischer Sozialismus
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 349 (sequence 4)
- Language
- German
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348 Maxim Anin, Sozialistischer Jude usw. als Direktive zu präparieren und der Praxis als Leitfaden voranzustellen. Gegen das herrschende Unrecht für die um die Herrschaft ringende Gerechtigkeit zu kämpfen. Von außen kommt der Intelligenzjude zum Sozialismus, frei von hemmenden Traditionen und bremsenden Gefühlen. Seinem sozialen und kulturellen Niveau gemäß ist er entweder Führer oder Nachläufer, nie Soldat der proletarischen Armee. Das mag wohl einst Bakunin in seinem Kampfe gegen Marx zur einseitigen Verallgemeinerung verleitet haben: „Jeder Jude, mag er noch so aufgeklärt sein, hält am traditionellen Kultus der Macht fest, ein Erbe seiner Rasse, ein Merkmal seiner orientalischen Abstammung." Zutreffend ist diese Behauptung nur, insofern die Juden im Sozialismus stets das kollektivistisch-staatliche Moment im Gegensatze zum individualistischen Anarchismus hervorgehoben haben.*) In dem Maße, wie der Sozialismus den Weg zurücklegt von der Abstraktion zum Erlebnisse, von der Idee zur Tat, schrumpft die Führerrolle des Intelligenzjuden in ihm immer mehr zusammen. Einerseits wächst die Distanz zwischen Armee und Nachläufern. Anderseits weist auch die Harmonie zwischen Armee und Generalstab immer größere Lücken auf. Die instinktive Abneigung gegen das fremde jüdische Wesen, die bei der organisierten Arbeiterschaft durch die rationalistische Ideenpropaganda von der Bewußtseinssphäre zurückgedrängt wurde, zeigt sich immer öfter auf deren Oberfläche. Es werden Stimmen laut, die von „fremder Hegemonie" und von „Judenherrschaft" in der Bewegung sprechen . . . Die beginnende Emanzipation der Zöglinge, die selbst zu Meistern heranwachsen. Die sozialistische Betätigung der Juden wird so allmählich zur Judenfrage im Sozialismus . . Nun konnte man länger den Kopf im Sande nicht behalten. Verharrte man früher hartnäckig im praktischen Totschweigen des Judentums, so griff man nun zum theoretischen „Totred en" ... . Man liefert nun den „streng wissenschaftlichen Beweis": 1) daß die Juden überhaupt keine Nation bilden; 2) daß wenn die Juden heute noch eine Nation sind, so können sie es unmöglich auch morgen bleiben; 3) daß wenn die Juden als Nation auch in der Zukunft existieren könnten, so dürfen sie sich so etwas vom Standpunkt des wohlverstandenen Sozia- *) Der jüdische Anarchismus wurzelt nicht im jüdischen Geist, der kollektivistisch veranlagt ist, sondern im Pauperismus, im untergehenden Handwerk und in der vegetierenden Zwergindustrie.