Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Zur Poesie der Juden
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 324 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Landauer, Zur Poesie der Juden 323 Muttersprache ihm in den Weg gelegt, so ist ihm (Jehuda Halewi) die Klage erspart geblieben, dem für alle Töne seiner Brust der alte sprachbiidende Trieb seines Volkes das köstlichste Wort vorhergeschaffen hatte. Und weil an Innigkeit des Gefühlsausdruckes, an Reichtum der Farben für Lust und Leid, für Liebe und Schmerz keine Sprache der hebräischen gleicht, darum kann selbst die gelungenste Nachbildung seiner Lieder nur eine Ahnung von ihrer Schönheit vermitteln/*? Kennt Bab auch nur die genialen und trotzdem sicher unzulänglichen Nachdichtungen, die diese hebräischen Melodien durch Seligmann Heller gefunden haben? 5) Oder aber sollte Julius Bab nicht zugeben, daß die Beobachtungen, die ihn zu seiner These, es gebe keine geniale Poesie und Kunst bei den Juden, geführt haben, in allem Wesentlichen an einem Objekt angestellt sind, das er mit Recht zu der „europäischen Kulturgemeinschaft" rechnet, an der allein er sich ja „für Fragen der Kunst orientiert", nämlich an den seit hundert Jahren emanzipierten Juden vorwiegend Deutschlands? Daß er an Hand solcher Phänomene wie Heine, Hofmannsthal, Liebermann verallgemeinert und ein Oesetz für alle Zeiten erlassen hat? Ein Gesetz, das aber in Wahrheit die Juden aus der Reihe der Völker ausstreicht? Denn wo in aller Welt gibt es etwas, das wahrhaft Volk zu heißen verdient, obwohl ihm originale Poesie, originale Musik, originaler Tanz fehlen? Original — cum grano salis zu verstehen, nicht mehr indessen als bei Deutschen, Egländern, Griechen auch. Denn völlige, autochthone Originalität gibt es freilich in keinem Volk. 6) Sollte nun Julius Bab sich auf diese Fragen solche Antworten geben, daß er zu merken anfängt: aus Gegenüberstellungen wie Goethe-Heine oder Hauptmann-Hofmannsthal und aus all solcher Modernerei läßt sich wirklich nichts fürs jüdische Volk erschließen; sollte er also zugeben, daß „die Wirkung des jüdischen Bluts innerhalb der literarischen Kultur Deutschlands" nur ein ephemeres Moment unserer eigenen Gegenwart ist, und weder für die Vergangenheit noch für die Zukunft das Geringste beweist oder entscheidend aufhellt, — könnte er mit seinem scharfer Blick, der schon im Gewahren einordnet, dann nicht die Gründe sehen, die aus den jüdischen Dichtern dieses Uebergangs oder wieder einmal neuen Beginns genau das machen mußten, was sie waren oder sind? Kleiner und weniger original als die bulgarischen und serbischen Dichter neuerer Zeit wird er Heinrich Heine als Dichter schließlich nicht machen wollen; und er wird doch darum, weil mit der neu anhebenden Dichtkunst dieser wieder einmal jungen Völker noch nicht viel Staat zu machen ist, hoffentlich nicht — wie er es allerdings