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Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 323

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Zur Poesie der Juden
Date
1913-08-22
Page
Seite 323 (sequence 2)
Language
German
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322 Gustav Landauer, Zur Poesie der Juden, nur bei den Deutschen, sondern bei allen Künstlern der europäischen Kulturgemeinschaft" Meine Frage ist: Ach, lieber Herr Bab, hätte Ihnen in dem Augenblick, wo Sie den Juden die große Poesie absprechen wollten, nicht einfallen könnent daß auch die Steine, mit denen man auf dem Teich je flacher je besser Butterbrot wirft, schließlich in die Tiefe sinken, und daß sich also Leser finden müssen, die es lächert, wenn einer nur in Europa, und gar in der europäischen „Kulturgemeinschaftu Kunst finden will? 2) Sollte man ferner nicht bei einiger Besinnung zugeben können, daß, so schade es auch um die saubere Registratur ist, die dadurch in Unordnung gebracht wird, gerade die große Poesie — im Gegensatz zu dem, was ich Sonettenpoesie nenne — niemals reinlich bloß als Unterabteilung der Kunst betrachtet werden kann, sondern immer noch etwas anderes ist als Kunst? Ich beneide den nicht um seinen logischen Takt, für den der Bhagavadghita, die eddischen Gesänge, das Nibelungenlied, die Göttliche Komödie, der Faust und der Wilhelm Meister, die Kaiewala und Whitmans Gesänge lediglich Kunstwerke sind. Aber ist nicht das in ihnen, was weit über die Kunst hinausgeht, ganz und gar Poesie? 3) Ich nehme die Sammlung von Trümmern althebräischer Chronik, Prophetie und Poesie, zur Hand, die man die Bibel nennt, und frage: Hand aufs Herz und einfach Ja oder Nein: das Buch Esther, das Buch Hiob, der Psalter, das Hohelied, — ist das und so vieles in den anderen Büchern ganz große Poesie oder nicht? Poesie in jeglichem Sinne, auch im Sinne des Rhythmus, des Tanzes, der festgeprägten, originalen und traditionellen Form, auch im Sinne der Sinnlichkeit, „Bild der Sache im Atem der Empfindung," wie einer, der sich auf den Geist der hebräischen Poesie verstanden hat, nämlich Herder, diese besondere lyrische Kraft so trefflich charakterisiert hat? 4) Ist Herr Bab so sachkundig, daß er mit Bestimmtheit sagen kann, was er implicite weiter sagt, daß nämlich unter all den Dichtern des jüdischen Mittelalters keiner ein großer Dichter gewesen, daß unter all den Legendengeschichten und Volksliedern östlicher Juden in jiddischer Sprache nichts sei, was zur großen und originalen Poesie gehöre? Weiß er zum Beispiel (ich nicht), aus welchen Ueberlieferungen Martin Bubers Neudichtungen chassidischer Geschichten stammen? Oder macht ihn nicht stutzig, mit welcher Wonne die Kenner von den Gedichten Salomon Ibn Gabirols sprechen, oder daß ein für Poesie Empfänglicher und Sachkundiger wie David Kaufmann über Jehuda Halewi sagt: „Wenn selbst ein Himmelentsprossener wie Goethe über die Hindernisse klagt, welche die Sprödigkeit seiner

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