Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Zur Poesie der Juden
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 325 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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324 Max Brod, Verse bei seinem eigenen Volke getan hat — den Serben und Bulgaren, die so wunderherrliche Volksdichtungen alter Zeiten haben, die Poesie aus dem Leibe kritisieren wollen? Könnte er, wenn er das alles denn sehen sollte, nicht die Stimmung aufbringen, die dem produktiven Kritiker nicht fehlen darf, die Stimmung nämlich der das Gewaltigste nicht für unmöglich haltenden Erwartung? Von Alfred Mombert darf ich ja hier nicht reden, dessen Größe Bab zwar zu meiner Freude gleich mir verehrt, dessen weltumfassende, weltgestaltende Dichtungen ihm aber „nur noch lose mit der Poesie zusammenhängen." Aber will Bab es auch nur als erlaubt vertreten, daß ein Kritiker auf Grund so geschwinder und ungenügender Beobachtungen, und so verwegen das Wesentliche übersehender Verallgemeinerungen für alle Zukunft dekretiert: es kann kein genialer Dichter der Juden kommen? Es kann auf Beer-Hofmanns Zyklus des Daviddramas z. B. nicht mit der Spannung, die reinste Ueberwältigung, große Vision und Gestaltung ahnt, gewartet werden? Das sind meine Fragen. Anmerken will ich noch, daß meine Anschauungen über Judentum und Deutschtum sich im Wortlaut vielfach mit denen Julius Babs berühren, daß ich aber doch zu wissen glaube, aus den Betonungen seiner Worte und aus seiner Undankbarkeit gegen den erweckenden Zionismus entnehme, daß unsere Gefühle und Gedanken auch in diesem Punkte sehr verschieden sind* Ich habe mich über dieses Thema in einem anderen Zusammenhang geäußert und werde, wenn diese Aeußerung erst vorliegt, gewiß Veranlassung haben, was ich vom Amt der jüdischen Nation an der Menschheit weiß, weiter zu vertreten. Verse. Von Max Brod. Erster Frühlingsausflug. O ihr regendurchfeuchteten Ackerschollen, Klebriger Samt, und die Schritte gehemmt, Hütten am Strome, schon überschwemmt, Wege, die Schlamm und Steinchen rollen: Uns war es freundlich, was keinem gefiel, Waldlose Landschaft mit braunen Teichen, Und der Hochofenfiamme rotes Zungenspiel Zu Beginn der Nacht uns ein Liebeszeichen.