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Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 321

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1913-08-22
Page
Seite 321 (sequence 7)
Language
German
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320 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. nicht vergessen, daß das jüdische Volk vor anderen Völkern die Eigentümlichkeit voraus hat, mit seinen Sprachen nicht zu stehen und zu fallen, anders ausgedrückt, seine Sprachtode zu überleben. Wenn nun dann jeweils sein fortlebender Organismus wieder Sprachblüten zu treiben beginnt — was ist selbstverständlicher, als daß diese neue Sprache keine funkelnagelneue Kultur bringt, sondern wie mit dem alten Volke so auch mit der alten Kultur sich verbindet, ihr neue Ausdrucksmöglichkeiten gibt und für neu und alt den Strom des Lebens besorgt? Leben ist der Haupteindruck, den man bei Betrachtung der Ostjudenheit gewinnt Leben als Taktschritt der Gesamtheit, als Flutung vom Innern bis in das fernste und feinste Geäst der Gemeinschaft, als ewige Neugeburt des Volkes. Leben als Macht der jüdisch-religiösen Idee, der Gesamtheit Physiognomie, Richtung und Bewegung zu verleihen. (Für die Zukunftszweifler bleibt ihr Energiewert.) Leben als Macht des jüdischen Religionsgesetzes, der Gemeinschaft Form und Formen zu geben. Leben als Macht der jiddischen Sprache, das Volk im Wissen von sich zu erhalten und immer neue Bollwerke seiner Eigenheit zu schaffen. Leben als Produkt aller dieser Machtentfaltungen. Leben als ein Netzwerk tausender Bejahungen eigenkräftigen Seins, — ein Netzwerk, so dicht, daß fast nichts in den Abgrund des Todes gleiten kann, daß alles Große und Stolze, was jüdische Vergangenheit hinterließ, große und stolze Verwendung findet Ein Beispiel: Die neuhebräische Literatur. Das ist die Ostjudenheit. Und wenn nun einer kommen und sagen wird: Das ist sie nicht. Du hast die Kehrseite der Medaille vergessen. So antworte ich: Nein! Denn im Sinne dieses Einwands habe ich auch die Vorderseite nicht gezeigt Gewiß, ich habe keine Kriminalstatistik betrieben, keine Ziffern zu jene Verbrechen gebracht, die bei den Ostjuden häufiger vorkommen. Ich habe die Eigenschaften nicht erwähnt, die sie dem und jenem, mit mehr oder weniger Recht oder Unrecht unsympathisch machen. Aber ich habe doch auch nicht mit Ziffern aus jenen Verbrechergebieten aufgewartet, in die sie sich fast niemals verirren. Und — mit einer einzigen Ausnahme (Enthusiasmus), die ich nicht vermeiden konnte, und die ich nicht, um zu rühmen, machte — habe ich auch die ostjüdischen Tugenden nicht genannt, deren es mehr und höhere gibt, als sich so mancher „Freund in der Feme" träumen läßt.

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