Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 322 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120549--0548-3120669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gustav Landauer, Zur Poesie der Juden, 321 Gewiß, ich habe nichts von Unzulänglichkeit der Ostjuden im Bewußtsozialen, im Bewußtorganisatorischen verraten. Aber ich hätte auch nicht das Gegenteil berichtet, wenn es auf sie zuträfe. Und wenn ich von dem Elend nicht sprach, in dem ihre ungeheure Mehrheit schmachtet, — so gilt dasselbe: Ich hätte auch nichts gesagt, wenn es ihnen so verhältnismäßig gut ginge, wie etwa den deutschen Juden. Warum ich aber diese Zurückhaltung übte? Nun, aus demselben Grunde, aus welchem ich zwar den Rückgang der Ostjudenheit in religionsdynamischer Beziehung zugab, ihn aber sofort wieder als belanglos erklärte. Aus demselben Grunde, aus welchem ich die dunklen (übrigens auch die lichten) Partien ihrer religiösen Praxis nicht zeigte und überhaupt den ungeheuren Abstand verschwieg, der zwischen dem jüdisch-religiösen Menschenideal und den ostjüdischen Menschenwirklichkeiten klafft: Einfach deshalb, weil ich es nicht liebe, Kraut und Rüben durcheinanderzuwerfen, die Untersuchungsgebiete durcheinanderzurütteln, ihre Grenzen durcheinanderzuwirren. Weil es hier nicht auszurechnen galt, wieviel gesunde und wieviel kranke Früchte am Kulturbaum der Ostjudenheit gewachsen sind, und noch weniger, wie weit er noch davon entfernt ist, ein Baum der absoluten „Erkenntnis des Guten und des Bösen" zu sein, sondern — die Tatsache des Baumes selbst zu zeigen, wie er dasteht, tiefverwurzelt, säftevoll, in die Breite und Höhe sich reckend, ein Lebensbereich, ein Lebensreich für sich .... (Fortsetzung folgt.) Zur Poesie der Juden.*) Von Gustav Landauer. Zu dem Aufsatz Julius Babs in Nr. 3 der „Freistatt" möchte ich nur ein paar konkrete Fragen stellen: 1) Auf Seite 175 redet Herr Bab von einem „Dort", „wo ausschließlich Kunst geschaffen worden" sei, und bestimmt diesen Kunstort naher durch die Worte: „nämlich keineswegs *) Diese Bemerkungen schließen sich an eine Kontroverse zwischen J. Bab und L. Strauß an, die in den nächsten Heften durch weitere Aeußerungen westjüdischer Dichter fortgesetzt wird. Siehe auch Hefte 1, 3 und 4 dieser Zeitschrift