Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 320 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und West Judentum, 319 Daß das Jiddische in mehreren Dialekten gesprochen wird, hebt natürlich seinen einheitlichen Charakter nicht auf. Die es sprechen, ebenso wie die anderen, fühlen ihn, und er kommt ja auch schon in den Namen zum Ausdruck, mit denen es bezeichnet wird. Ob man Jiddisch, Jiddisch-deutsch oder Jargon sagt, immer bejaht man damit die Tatsache seiner Selbständigkeit und Einheitlichkeit. Jiddisch ist, rein philologisch genommen, größtenteils deutscher Herkunft. Aber seine Seele ist wie die Seele der Menschen, die sie seit Jahrhunderten sprechen, jüdisch. Und es dient seinem Volke — ganz so wie anderen Völkern ihre Sprache — als Umlaufsmittel im Austausch sozialer und nationaler Geisteswerte. Ist auch ganz so vom bloßen Machtausdruck zur selbstwirkenden Macht geworden. Jiddisch hat sich für die Lehrweise des ostjüdischen Rabbinismus unentbehrlich gemacht. Jiddisch hat die jüdische Sage und Legende in sich eingeatmet, und nun gibts keine andere Zunge, die sie mit demselben spezifischen Zauber von Heimlichkeit der Seele des heutigen Ostjuden wieder mitteilen könnte. Jiddisch hat der gesungenen Not und Freude des Volkes die Worte geliehen und — man versuche nur dem jüdischen Volkslied diese Worte zu nehmen! Jiddisch ist die Sprache jüdischer Dichter geworden, und gerade der jüdischsten, der im Judentum am tiefsten verankerten, nach der Seele des Volkes am meisten lechzenden. Jiddisch beherrscht die Tribüne, Jiddisch die Zeitung. Jiddisch hat das jüdische Theater ermöglicht — von künstlerischem und literarischem Standpunkte wohl nur ein Wechsel auf die Zukunft, als Symptom von Lebensdrang und Lebensenergie aber eine freudige Tatsache. Nichts ist sicherer als diese Feststellungen. Nichts aber auch allerdings klarer, als daß mit ihnen kein sprachliches Kultur- Privilegium bewiesen oder auch nur behauptet wird. Man darf 96 beträgt und in allen übrigen Gouvernements auf 97,8 bis 99,9 (letzteres im Gouvernement Souwalki) steigt. Außerhalb des Ansiedlungsrayons beträgt der Prozentsatz der jiddisch sprechenden Juden noch immer 92,3 in Sibirien, 82,6 im europäischen Rußland, 70,3 im Kaukasus und 57 in Mittelasien. (Im Kaukasus und in Mittelasien kommen eben auch schon die einheimischen orientalischen Juden in Betracht.) In Galizien und der Bukowina sprechen die Juden, wie auch die zitierte Schrift anerkennt, „ganz überwiegend das Jüdische als Umgangssprache". Was den von manchen Seiten behaupteten Rückgang von Jiddisch in den Stammländern, namentlich aber in den neuen Konzentrationen betrifft, so werde ich darauf noch zurückkommen,