Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 319 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. nicht verzehren. Und an den Fenstern des Baus und in den Windungen der Flammen sehen wir die leuchtenden Gesichter großer heiliger Persönlichkeiten. Das heißt, wir haben vor uns eine großzügige Verwaltung des überlieferten Outes an Lehre und Gesetz und eine stürmische Bewegung zu neuen religiösen Ausblicken. Und haben nun wirklich was erfahren: Daß nämlich hier Religion — die Leidenschaft, Erlösung und Gestaltung eines ganzen Volkes ist. Oder unter Umständen sein kann, wie ich lieber sagen möchte, weil ich eigentlich mehr nicht sagen, mehr als die Potenz hier nicht behaupten will. Ich weiß es ja ganz gut: Wenn auch die große, vielleicht sogar überwältigende Mehrheit der Ostjuden sich heute noch strenge an die Satzungen des jüdischen Glaubens hält, — so kann dieses Heute doch keinen Vergleich mit der Blütezeit ostjüdischer religiöser Kraft und Bewegung aushalten. Aber ich finde, daß dies belanglos ist. Denn der Gläubige erklärt den Rückgang ohnehin nur aus Gründen der allgemeinen menschlichen Entwicklung heraus. Und der Gläubige hält ihn nur für vorübergehend. Beide aber bejahen — der Ungläubige mit tiefer Befriedigung, der Gläubige ohne Beunruhigung — eine Erscheinung, die eine Art indirekten Beweises für die große Energie ist, die den Ostjuden in Religionsdingen zur Verfügung steht: Daß sich nämlich ein Teil dieser Energie so erfolgreich in neue umsetzen konnte. Und was steckt auch z. B. hinter dem heißen Enthusiasmus, mit dem heute in der Ostjudenheit politischen, nationalen und sozialen Ideen geopfert wird, — Anderes als das alte chassidische „Hißlahaweß", der berühmte „Brenn"? Und die neuhebräische Literatur, die jiddische Literatur, das jiddische Theater — wo wären sie, wenn ihre Schöpfer und Begründer nicht beinahe große Talmudweise, gottselige Verkünder und religionsgesetzliche Organisatoren geworden waren, wenn sich eben nicht jene Umwandlung der Kraft in ihnen vollzogen hätte? Nur Stärke konnte sich in Stärke umsetzen . . . Als die zweite der beiden Kategorien, durch die die ostjüdische Besonderheit über allen Zweifel deutlich wird, haben wir die Sprache bezeichnet. Die Ostjuden sprechen jiddisch.*) *) Nach der in der vorigen Anmerkung zitierten Schrift sprachen von den 5 215105 russischen Juden 5 054 300 jiddisch. Das sind 96,90 Proz. Innerhalb des Ansied lungsrayons sinkt dieser Prozentsatz nur im Gouvernement Tauris auf 91,2, im Gouvernement Warschau auf 90,1 und im Gouvernement Kaiisch auf 89,6, während er im Gouvernement Petrokow