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Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 318

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Noch einmal Ost- und Westjudentum
Date
1913-08-22
Page
Seite 318 (sequence 4)
Language
German
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Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. 317 An diese wird man sich wohl auch wenden müssen, wenn man die Ostjudenheit nicht bloß sehen, sondern auch ihren Platz innerhalb der jüdischen Gesamtheit bestimmen will. Bekanntlich ist das jüdische Religionsgesetz reich an Vorschriften für gottesdienstliche Uebungen, und noch weit größer ist die Zahl seiner Normen und Formen, die es für alle Beziehungen des Lebens aufstellt. Aber es läßt der plastischen Kraft und Lust des Volkes noch Möglichkeiten genug, Vielleicht kann man sogar sagen, daß es durch die vielen gebotenen Ansätze das Volk geradezu anspornt, ihm tausend Gelegenheiten gibt, den Gottesdienst in das Kleid seines Temperaments, seines Geschmackes und seiner Kunst zu hüllen, und um die Kerne religiöser Lebensregelung die wirklichen Lebensformen zu setzen. Jedenfalls hat die Ostjudenheit diese Arbeit nicht nur in reichem Ausmaße, sondern auch in scharfer Charakterisierung geleistet. Auf dem Boden des jüdischen Religionsgesetzes und unter dem Einflüsse ihrer spezifischen Entwicklungsrichtungen und Siedlungsverhältnisse haben sie ein Volksleben von seltener Eigenart bei sich ausgebildet. Gotteshaus und Gottesdienst, Gebet und Gebetgesang, Haltung und Stimmung der Betenden, das Haus am Alltag, an den Festen und bei Familienereignissen, die Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen, die Uebung von Gastlichkeit und Höflichkeit — alles im eigenen Ebenbilde, selbstecht — fügen sich zu einem überzeugenden Bilde von Einheit zusammen. Und der Eindruck wird noch stärker, wenn man jene in den letzten Zeitläufen entstandene Volksschicht betrachtet, die sich (ebensowenig wie die Intelligenz, von der aber vorerst nicht die Rede sein soll) von der alten Gläubigkeit abgewendet hat. Denn man entdeckt dann, daß sich der Rhythmus ihres Lebens nicht geändert, daß sie die alte Atmosphäre nicht verlassen haben. So gründlich war das Werk und so verselbstständigt in allen seinen Schöpfungen! Natürlich kommt aber, wenn man von jüdischer Religion spricht, nicht nur das Religionsgesetz in Betracht, sondern weit mehr noch der Ideenkomplex des Judentums und die Bewegung, die ihm innewohnt. Blicken wir nun auch hier nach dem besonderen Anteil der Ostjuden, so sehen wir uns wieder einer gewaltigen Erscheinung gegenüber. Wir sehen den Quaderbau des Rabbinismus — tief ins Volkserdreich versenkt, nach allen Seiten breit ausladend, obendrein noch fassadenstolz auch — in den Flammen des Chassidismus, die ihn bedrohen, versengen, durchgluten und doch

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