Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 311 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120546--0531-3120658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
310 I. Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina. aber als Vater für ein ganzes Geschlecht, das sich im Lande ausbreitet. Wie jetzt die Dinge liegen, wird man in Palästina nur mit Hilfe von Organisationen und Gesellschaften kolonisieren können, d. h. jeder neue Ansiedler wird unterstützt werden müssen; selbständige, organisch sich abspielende Kolonisation aber von Menschen, die aus eigener Kraft sich ernähren und sich eine Zukunft schaffen wollen, wird unmöglich sein. Und selbst, wenn man das annimmt, woran kaum ein Arbeiter in Palästina glaubt: daß das nationale Selbstbewußtsein der Kolonisten und der zionistischen Institutionen innerlich und stark genug werden kann, um den jüdischen Arbeiter an die Stelle des Arabers zu setzen, selbst damit wird wenig gewonnen sein; denn dann werden die gespannten Beziehungen zwischen Arabern und Juden noch viel feindseliger werden als sie es jetzt schon sind; weitere Bodenkäufe werden dann so gut wie ausgeschlossen sein, wodurch die Aussichten der jüdischen Siedlung ganz bedeutend verringert werden. 2. Die Regi erung. Die Stellung der türkischen Regierung zu der jüdischen Ansiedlung war bisher in der Regel eine feindliche. Das Gesetz z. B., das eingewanderten Juden den Landkauf verbot, hat natürlich eine sehr unliebsame und verteuernde Wirkung gehabt — Bedeutungsvoller ist es, daß die türkische Regierung ziemlich machtlos ist und in der Regel gegen den Araber, der einen Diebstahl oder einen Totschlag beging, nicht vorgeht. Die Araber wissen das sehr wohl, und das gibt ihnen erst recht Mut zu Ausschreitungen. Am meisten aber wird die Erdarbeit in Palästina im allgemeinen, und ganz besonders die Jüdische von den hohen Steuern gelähmt. So beträgt die Bodensteuer 4%o des Wertes, und der Erntezehnt, der auch von den meisten Früchten entrichtet werden muß, 1272 Prozent In einigen Kolonien steigert sich sogar der Zehnte, durch die Launen der Beamten, bis zu 14 Prozent vom ganzen Ertrag. Natürlich, Regierungen wechseln. Es ist nicht unmöglich, daß Palästina einmal aus türkischen in andere Hände übergeht. Dann werden die Beschränkungen, denen die Juden dort unterliegen, in Fortfall kommen, und vielleicht auch der Steuersatz verringert werden. Nur wird der Nutzen einer geregelten Verwaltung oder gar einer Autonomie in erster Linie den Arabern und ihrem wirtschaftlichen Aufschwung zugute kommen. Schon jetzt beginnen viele Dörfer und Großgrundbesitzer, die noch vor kurzer Zeit willens waren, ihr Land zu verkaufen, mit der Anlage von Pflanzungen und Gärten und denken nicht mehr daran, ihren