Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 309 (sequence 14)
- Language
- German
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808 L Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina. und Gewalttaten kommen aber selbst dort, wo die gegenseitigen Beziehungen nicht schlecht sind, tagtäglich vor. Sehr schlimm sind die vielen Flurschäden und Ernteplünderungen, wogegen sich die Kolonien nur durch beständigen Wachtdienst schützen können. Die Unterhaltung solch organisierter Wachtdienste drückt sehr auf den Etat der Kolonisten, In R'chojwojs betrug 1912 die Gesamteinnahme aller Kolonisten an die 170000 Francs; hier mußten für Wachtdienst allein 18 000 Francs ausgegeben werden; das ist mehr als 10 Prozent vom Gesamteinkommen. Aehnlich in Chedera; dort betrugen 1912 die Gesamtauslagen der Kolonie 30000 Francs, und davon entfielen auf den Wachtdienst 11700 Francs, das sind 39 Prozent aller Ausgaben. Das Gleiche gilt für alle Kolonien. Noch eine andere schädliche Wirkung der arabischen Bevölkerung auf den Stand der jüdischen Kolonisation ist zu erwähnen. Der Araber ist äußerst bedürfnislos, und er arbeitet zu Hungerlöhnen. Das wirkt auf den Kolonisten demoralisierend. Den Araber kann er zu 70 Pfg. den Tag für die Arbeit dingen* Seine eigene Arbeit aber schätzt er höher ein und meint, es verlohne sich, den Araber für die Erdarbeit zu dingen, während des er durch eigene Arbeit im Hof einen Ueberschuß herauswirtschaftet Wenn der Kolonist zum erstenmal so berechnet, dann mag es wirklich genug Arbeit geben, die eine gedungene Kraft nötig macht. Er gewöhnt sich aber daran — nimmt sich für den ganzen Monat den Araber (dabei vermindert sich noch der Lohnsatz für Tagesarbeit), und wenn dann Tage kommen, wann es wenig Arbeit gibt, dann feiert natürlich der Kolonist Daraus entwickelt sich dann das „Ohne-Arbeit-Sein" des Kolonisten als dauernder Zustand. Er dingt bald zwei Araber, berechnet sich, daß er mehr von ihnen hat, wenn er ihre Arbeit beaufsichtigt, und jetzt besteht seine ganze „Arbeit" nur noch in der Beaufsichtigung seiner Knechte. So wird der Kolonist, oft ohne das selbst zu merken, verleitet durch die billige Arbeitskraft des Arabers, zu einem Faulpelz, der sich von jeder Arbeit fern hält. Das hat auf die Wirtschaft der Kolonisten eine äußerst schädliche Rückwirkung und äußert sich vor allem darin, daß ein ganzes Fünftel des gesamten Ertrages aller dieser Kolonien für Arbeitslöhne fortgeht. Gewiß, auch wenn der Kolonist selbst den Boden bearbeitet, ist er von Zeit zu Zeit genötigt, Hilfskräfte zu dingen; in diesem Fall aber erleiden seine Einnahmen nur geringe Einbuße. Eine dritte Einwirkung des Araberelements ist zu erwähnen, von der die weitere Entwicklung der jüdischen Siedlung abhängt Die Araber sind dem Kolonisten natürlich ein besseres Exploitationsmateriai als der jüdische Arbeiter,