Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 299 (sequence 4)
- Language
- German
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298 I. Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina. das aber ist nicht dem Wohlstände der Bewohner, sondern der Baron-Hirsch-Verwaltung zu danken, die nach einem bestimmten Schema die Kolonistenhäuser gebaut und eingerichtet hat. So hält sehr oft der vorbeispazierende Tourist manchen Besitzer eines hübschen Häuschens für vermögend, der nicht einmal ein Stückchen Zucker oder gar Brot im Schrank hat — — Die Kost der Kolonisten ist sehr einfach und arm. In vielen Siedlungen kennt man kein Rindfleisch; in anderen ist man froh, wenn wenigstens am Schabbes ein Huhn auf den Tisch kommt Wer in den Kindergärten und Schulen die Kinder beim Frühstücken beobachtet, nimmt selten ein Ei oder etwas Milch wahr. Die Kleinen sehen gewöhnlich sehr schlecht aus, und die Eltern, besonders die Frauen, sind meist abgezehrt und abgemagert Fast alle Kolonien befinden sich in solch schlimmen Zuständen; nicht nur die, die Feldarbeit treiben, sondern auch die, deren Wirtschaft eine gemischte ist, Feldarbeit und Pflanzung. In Chedera gibt es heute viele Kolonisten — darunter manche Büu — die gerne ihre Wirtschaft verkaufen, und fortziehen möchten. In Rojsch-Pino hat mir der Ica-Verwalter erklärt, daß die Hälfte der dortigen Bauern kümmerlich leben. In Ekron gibt es nur 3—5 Familien, die in etwas besserer Lage sind. Die Wenigen aber, denen es nicht gar so schlecht geht, verdanken das nicht dem, daß sie bessere Bodenerträge erzielten: der eine hat einen Kramladen nebenher aufgetan und daran verdient; der zweite ist ein Bäcker; der dritte hat einen Gasthof; dem vierten schickt der Sohn aus Amerika Unterstützung usw. Wer aber von der Landwirtschaft allein sich ernähren muß, dem geht es schlecht, und seine Wirtschaft wankt. Das gilt nicht bloß für jene Kolonisten, die der Ica bereits Amortisationsgelder abliefern müssen, sondern auch für die, welche vorerst davon befreit sind. Gewöhnlich aber erläßt die Ica-Verwaitung den Kolonisten die Zinszahlung, oder setzt die zinsentragende Summe — das ist das Kapital, mit dem sie dem Kolonisten die Wirtschaft (Boden, Gelände, lebendes und totes Inventar) einrichtete — auf nur 12 500 Francs fest; für diese Summe braucht der Kolonist die ersten fünf Jahre nur 250 Francs Zinsen zu zahlen, das sind 2 Prozent, inklusive Amortisation. Die Lage ist aber in den meisten Kolonien derart schlimm, daß die Ica den Kolonisten systematisch durch unverzinsbare oder kleinprozentige Darlehen unter die Arme greift und einen großen Teil der Gemeindeausgaben (Wasserleitung, Brunnenbohrung, Schule usw.) trägt Bis heute gibt es in Palästina keine einzige Kolonie, die nicht von außen her durch die verschiedenen