Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Über Zionismus und jüdische Kultur
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 294 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Locker, Über Zionismus und jüdische Kultur. 293 hätten verbinden können, als diese daran gingen, in Rußland ein jüdisches Leben zu schaffen, ein nationalen Geist atmendes Milieu, eine Literatur, ein stolzes, selbstbewußtes Judentum und einen freien Plan, auf dem die jüdische Persönlichkeit leben und sich entfalten kann. Dies hat sich nicht nur darin gezeigt, daß die Zionisten keinen Anteil nahmen an dieser Arbeit für die nationale Wiedergeburt. Es war schlimmer: sie haben mit aller Kraft diese Arbeit zu hindern und zu stören gesucht. Der offizielle Zionismus hat einen Bann gelegt auf die jüdische Sprache und verwarf die jiddischistische Bewegung; kurz, alles, was innigst verbunden ist mit dem Leben und der Zukunft des jüdischen Volkes. Da ist es noch gut, daß man bei uns dem Zionismus gegenüber Gleichgültigkeit bezeugt; verdient hätte er es, daß wir ihn hassen". Nun, die Zionisten ahnen ja manchmal die Gefahr, und es scheint ja nicht selten, als ob sie Einkehr tun würden. Das ist besonders in historisch entscheidenden Momenten der Fall. Da lassen sie sich manchmal von den Wogen der Volksbewegung mitreißen. So war es beispielsweise in Galizien während des Volkszählungskampfes, Als die letzten erschienen die Zionisten auf dem Plan. Aber sie erschienen doch. Und haben ja teilweise recht wacker mitgekämpft Doch was nützt es! Kaum ist das erste Feuer vorbei, da stehen die Zionisten wieder auf ihrem alten Platz. Man beachte die grotesken Wandlungen: Im Januar 1Q11 Kampf für die Anerkennung der jiddischen Sprache, im August 1911 Totschweigen dieser Sprache beim Kongreß — und im Dezember 1911 der Lemberger Hebräertag, der die jiddische Sprache wieder ganz offen in Bann legt, und feierlichst Hebräisch für die einzige nationale Sprache erklärt. Daß die Massen solche Wandlungen nicht begreifen können, ist klar. Ebenso, daß dieses Hin- und Herschwanken die Kampfposition des Ostjudentums empfindlich schwächt und die Unterdrückungspolitik der Schlachta der jüdischen Nation gegenüber indirekt rechtfertigt* Und letzten Endes muß natürlich wieder der Zionismus die Rechnung bezahlen. Ist nun diese Stellung in der Kulturfrage durch das Wesen des Zionismus bedingt? Es gibt sehr viele Freunde der jiddischen Sprache, die dieser Ansicht sind, und deshalb den Zionismus ablehnen. Die sozialistische Fraktion des Zionismus (Poale-Zion), der anzugehören ich die Ehre habe, steht nicht auf diesem Standpunkte. Sondern wir glauben, daß sich das Streben zur Schaffung* einer Heimstätte in Palästina mit der Bejahung der Lebens- und