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Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 295

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Über Zionismus und jüdische Kultur
Date
1913-08-22
Page
Seite 295 (sequence 8)
Language
German
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294 B. Locker, Über Zionismus und jüdische Kultur. Schaffensfähigkeit der jüdischen Massen im Golus sehr gut vertrage. Unter dem Gesichtswinkel eines positiven „alljüdischen" Zionismus, der in erster Linie das Volk sieht und dessen große, nach Betätigung ringenden Energien, ist die jiddische Sprache und Kultur ein großes Bollwerk für die Existenz des jüdischen Volkes, ein nationales Gut allerersten Ranges, das aufzugeben, einfach Selbstmord wäre* Von diesem Standpunkte fassen wir das jüdische Kulturproblem des Golus auf. Wir verkennen nicht die Bedeutung des Hebräischen — unsere amerikanischen Freunde haben in ihren „national-radikalen" Schulen der hebräischen Sprache einen weiten Raum gewährt. Aber für uns kann sich doch jüdische Kulturarbeit mit Verbreitung der hebräischen Sprache nicht decken. Sondern Kulturarbeit bedeutet für uns Arbeit für die Kräftigung und Entwicklung derjenigen Kultur, an der die Massen des Volkes ihren Anteil haben; die Hebung des Volkes durch diese Kultur; kurz: die Arbeit für das lebendige, schaffende jüdische Volk. Und es ist kein Zweifel: wenn der Zionismus nicht ganz den Kontakt mit den Massen verlieren will, wird er sich über kurz oder lang zu dieser Auffassung* bekehren müssen. Nun noch eine andere Frage, die freilich für die Diskussion noch nicht ganz reif ist. Man kennt die Momente, die dem Hebräischen in Palästina eine dominierende Stellung verschaffen: Tradition, Notwendigkeit einer Einheitssprache zwischen den verschiedenen Bevölkerungsdementen usw. Es denkt auch niemand daran, hier Opposition zu machen. Doch kann man zweifeln, ob auch dort die Entwicklung in so grader Linie gehen wird. Kommt einmal die rasche Einwanderung aus Osteuropa — und diese wünscht ja der Zionismus — dann stehen wir vielleicht auch in Palästina vor sprachlichen Schwierigkeiten. Doch das sind Zukunftsfragen. Eines ist aber sicher: Für die Dauer wird man das palästinensische Judentum vor den Einflüssen der ostjüdischen Kultur nicht bewahren können. Warum sollte man es auch? Warum sollte man künstliche Scheidewände errichten? Warum der palästinensischen Jugend die Schätze der ostjüdischen Kultur vorenthalten? Warum nicht die verschiedensten Ausdrucksformen jüdischen Schaffens zur Geltung kommen lassen? Schon abgesehen von der großen wirtschaftlichen Bedeutung, die die Kenntnis der jüdischen Sprache für das palästinensische Judentum haben kann. Man denke in erster Linie an den Handelswert des Jüdischen. Doch ich will diese Gedanken nicht weiter spinnen. Die Zukunft wird noch so manche Ketzerei zur Wahrheit machen.

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