Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Über Zionismus und jüdische Kultur
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 293 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120545--0512-3120640- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
292 B. Locker, Über Zionismus und jüdische Kultur. formen* Diese Intelligenz bekämpft theoretisch und praktisch die Forderung der jüdischen Massen nach einer jüdischen Volksschule und erschwert so der Nation die Erringung eines der wichtigsten Mittel zu ihrer Kräftigung und Erhaltung. Sie lenkt die Massen selber von ihren vitalsten Kulturinteressen ab, bietet ihnen an Stelle einer lebens- und zukunftskräftigen Volksschule das schwache Surrogat der hebräischen Sprachschule, liefert so die Jugend der Russifizierung und Polonisierung durch die fremde Volksschule aus — „im Interesse der Nation". Wahrlich, wenn es nach dieser Intelligenz ginge, wir hätten bald im Osten die „idealen"westlichen Zustände; wie weit es da mit der Kenntnis stünde, dafür bietet ja der Westen ein gutes Beispiel, der Westen, der so „glücklich" ist, keinen „Jargon" und keine Sprachenfrage zu haben. Welche Gefahren dieses Verhalten für den Zionismus in sich birgt, darüber möchte ich mich nicht lange aufhalten. Es wird genügen, wenn ich den Lesern der „Freistatt" die Worte in Erinnerung bringe, die Dr. Eliaschoff, gewiß kein Feind des Zionismus oder gar des Hebräischen, unlängst geschrieben hat:*) „Denn mit der größten Blindheit verletzte der offizielle Zionismus die Interessen der „Brüder im Osten". Er zerriß die Fäden, die ihn mit der jüdischen Demokratie und der Intelligenz bemerken, Auch in Warschau und in Wilna ist sie schwer zu finden. Der Golus der Großstadt — wir wollen's gestehen — ist von ganz anderer Art. Das ist der Golus der reichen Grobiane, der nichtswissenden Angestellten, der Handwerker, die das Bes-Hamidrosch mit der Kneipe vertauscht haben, der Externisten, die nicht zur Prüfung zugelassen werden, der Mädchen, die mit ihrem Körper handeln und sich hierauf vorbereiten, der russischen, polnischen, englischen Sprache, der Taufe, des gekünstelten Nationalismus, der Fremdworte, die unsere Mütter nicht verstehen, selbst wenn sie jüdisch-deutsch ausgesprochen werden. Nehmet noch dazu die fremde Kultur, das fremde Buch oder dessen Jargon- Nachahmung, das fremde Theater oder dessen grobe Nachbildung ä la Goldfaden und dessen Nachfolger, das fremde Kopekenblatt oder dessen jüdische Ableger, den KÄnematograph, Sherlock Holmes, Saninismus, Selbstmord, — dann habt ihr den großstädtischen Golus/' Wenn so etwas irgend ein Antisemit, ein Professor Lessing oder ein Hugo Ganz schriebe, dann würde die zionistische Presse in berechtigte Wut geraten. Nun aber diese eklige Selbstbesch mutzung im hebräischen Zentralorgan zu lesen war, war sie allen recht, und niemand — außer dem poale-zionistischen „Jüdischen Arbeiter" — hat daran Anstoß genommen. Soweit kann man gelangen mit dem Dogma der „Golusverneinung." •) .Die Welt und die Brüder von Osten«. Die Freistatt, 3. Heft, Seite 222.