Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Über Zionismus und jüdische Kultur
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 292 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Locker, Über Zionismus und jüdische Kultur. 291 standen ist, daß er es nicht unternommen hat, den jüdischen Sprachenstreit offiziell zu entscheiden, was natürlich nicht der jiddischen Sprache, sondern in erster Linie dem Zionismus geschadet hätte. Das war bei der Stimmung des Kongresses schon sehr viel, daß der Kongreß nicht durch die Annahme der exklusiven Resolutionen Sokolows die Kulturarbeit der proletarischen Zionisten als für den Zionismus schädlich hingestellt hat. Mit anderen Worten, die Inkompetenzerklärung des Kongresses für die Kulturarbeit und die auch sonst dehnbare Fassung der Kongreßresolutionen haben wohl den Poale-Zionisten das Verbleiben in der Kongreßorganisation ermöglicht; eine wenn auch noch so geringe Aenderung der Stellung des Gros aller bürgerlichen Elemente im Zionismus zur Sprachenfrage bedeutet sie naturgemäß nicht.*) Und das ist doch das Wichtigste. Die zionistische Intelligenz des Ostens hat den Weg zu den jüdischen Massen nicht wiedergefunden. Der Kampf gegen die jiddische Sprache wird nach wie vor mit aller erdenklichen Schärfe geführt. Diese Intelligenz, die sich als die privilegierte Repräsentantin des jüdischen Nationalgedankens betrachtet, schändet alltäglich die Sprache der Massen, die Sprache, die den Massen die Quelle ist der Kultur und der Bildung, die Leiter zum Aufstiege zu höheren Lebens- *} Der vorliegende Aufsatz war bereits niedergeschrieben, als ich den Artikel Pasmaniks in Nr. 29 der „Welt": „Die Legende von der „ostjüdischen" Kultur'1 zu Gesicht bekam. Man lese einmal den von unverschämten Beleidigungen, Mißdeutungen und einfachen Fälschungen strotzenden Artikel, und man wird finden, daß die Bezeichnung „Schändung" sicher nicht übertrieben ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich bemerken, daß Herr Pasmanik mit seinen Ausfällen keineswegs vereinzelt dasteht. So erschien z. B. vor ungefähr einem Jahre im „Haolam", dem hebräischen offiziellen Organ der russischen Zionisten ein Feuilleton „Sehnsucht" („Haolam" Nr. 10, 1912) von I. Rabinowicz, eine Art Auseinandersetzung mit der „Golussehnsucht", die in gewissen Kreisen des „neuen Jischuw" sith zu zeigen beginnt, und einen Arbeiter namens Paleskin zur Rückwanderung veranlaßt hat. Da findet sich nun folgende charakteristische Stelle: „Wozu leugnen? Die Sehnsucht nach dem Golus ist eine Tatsache. Aber fragt einmal einen dieser sehnsuchtsvollen jungen Leute; Was ist das, dieser Golus, nach dem Du dich sehnst? — er wird die Antwort schuldig bleiben. Der Golus, dessen Eindrücke wir in den Kinderjahren in uns aufgenommen haben, verliert allmählich seine alte Gestalt. Die Gasse, in der wir unsere Kindheit verlebt haben, die Gasse unserer Mütter und Väter, die Gasse des Bes-Hamidrosch und der J'schiwo, der T'chines {Frauengebete) und Sabbathkerzen, die Gasse des kleinen, stillen, naiven Städtchens — die Mauern dieser Gasse zerfallen und werden verwüstet In New-York, wiohin Jakob Paleskin sie suchen ging, werdet ihr sie nicht