Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Über Zionismus und jüdische Kultur
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 291 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2&0 B. Locker, Über Zionismus und jüdische Kultur. Kultur- und Erziehungsproblem wohlgemerkt ohne irgendwelche Einschränkung auf Palästina oder den Orient, d. h. er will auf eine der wichtigsten Probleme des gesamt-jüdischen, also insbesondere auch des ostjüdischen Lebens eine Antwort geben* Da mußte man doch erwarten, daß dieser Kongreß, wenn er auf seine Würde etwas gibt und ernst genommen werden will, auch mit allem gebotenen Ernst an diese Frage herantritt, daß er vor allem bestrebt ist, sich über die Kräfte und Tendenzen klar zu werden, die im jüdischen Kulturleben wirken, daß er — so oder anders — auch die Sprache der neun Millionen Juden in Osteuropa und Amerika in den Kreis seiner Erwägungen einbezieht, daß er nicht ganz einfach die große historische Bewegung ignoriert, die schon zu förmlichen Volkserhebungen (Volkszählung in Galizien) geführt, die Tausende und Tausende von Anhängern in allen Schichten des Ostjudentums besitzt, die Bewegung für die jiddische Sprache, Doch weit gefehlt! Dieser Kongreß, dem sonst auch der Gegner nicht Mangel an Ernst und an einem gewissen Maß von Reife vorwerfen kann, sinkt bei der Kulturdebatte zum reinsten Kinderspiel herab, Herr Sokolow hält eines seiner schönen Referate über die hebräische Sprache, schlägt Resolutionen vor, die, abgesehen von gewissen organisatorischen Einzelheiten, denen des zweiten Kongresses vollkommen gleich sind; der Kongreß ist hochbegeistert — das jüdische Kulturproblem ist gelöst! Auch für den Golus! Denn Herr Sokolow hat ausdrücklich u, a. auch folgende These vorgeschlagen: „In der Diaspora haben nach unserer Auffassung die Gemeinder die Pflicht, das jüdische Bewußtsein zu erhalten und zu kräftigen;da aber dieses Bewußtsein hauptsächlich in der hebräischen Sprache wurzelt, so ist diese Sprache mit allen erdenklichen Mitteln zu pflegen. Diejenigen von uns, die sich an den Gemeindeleitungen beteiligen, haben die Pflicht, die Erkenntnis dieser Notwendigkeit durch die Wiedereinführung des Hebräischen zur Tat zu gestalten." Außerdem hat Herr Sokolow von der Pflicht der Vereine zur Errichtung von hebräischen Schulen und Sprachkursen gesprochen usw. Mit einem Worte: Wären nicht die bösen Poale- Zion dazwischen gekommen, die durch den Mund ihres Wortführers Chasano witsch recht energisch die Art gegeißelt haben, in der der Kongreß eines der brennendsten Probleme des jüdischen Lebens behandelt, die jiddische Sprache und Kultur wäre auch auf diesem Kongresse vollständig totgeschwiegen worden. Freilich konnten die Arbeitervertreter nicht viel Wesentliches ändern. Sie mußten sich damit zufrieden geben, daß der Kongreß von der förmlichen In-Bann-Legung der jiddischen Sprache abge-