Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 287

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Zionistische Notwendigkeiten
Date
1913-08-22
Page
Seite 287 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120544--0504-3120634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

286 F. A. Meyer, Zionistische Notwendigkeiten, nachlässigung aller realen Möglichkeiten bedeuten, den Namen Politik überhaupt nicht mehr verdienen* Woher kommt diese Verblendung? Sie ist nach meiner Meinung nur aus einem Rausch zu erklären. Die Palästina-Erlösung hat etwas zu Bestrickendes, als daß sie nicht den Verständigsten blind machen könnte. Palästina ist eben das gelobte Land, das verlorene Paradies. Man verwechselt infolge dieser „Paradiese-Anschauung die uralte „Zionsliebe" mit der ganz modernen Palästinapolitik, die eine religiöse Färbung erhält, mit einer Art mythischer Essenz vermischt wird. Und doch ist die Zionsliebe an keinen Raum gebunden; sie ist rein geistiger Natun Sie ist die Sehnsucht nach einem nationalen Idealzustand, der vor allem den Anforderungen einer sozialen absoluten Gerechtigkeit entspricht Palästina ist von einem solchen noch so himmelweit entfernt wie der übrige „Golus." Auf dieselbe Verwechslung der Palästinapolitik mit der „Zionsliebe" gründet sich die unerfreuliche Erscheinung, daß der Zionismus — vor allem in der Propaganda — sich als Weltanschauung gebärdet, eine Erscheinung, die uns noch immer um die besten Chancen bringt. Die „Zionsliebe" allerdings vermag, wie schon erwähnt, das grundlegende Element einer jüdischen Volkanschauung zu bilden. Sie ist aber unabhängig vom Zionismus. Wir hoffen, daß sie einmal alles jüdische Sinnen und Trachten beherrschen wird. Gerade infolge dieser Ver* wechslung aber, die das Volk sehr bald wittert, drohen wir als Partei zu erstarren. Denn wohl vermag das Bekenntnis zum Nationaljudentum für den Intelligenzler, der jeden Kontakt mit dem Volk schon verloren hat, die Basis seiner Lebensanschauung abzugeben: Der theoretische Weltbürger wird zum theoretischen Nationalisten. Dem Mann des Volkes dagegen verbürgt dieses Bekenntnis noch durchaus keine Lebensanschauung, sondern es ist für ihn die stillschweigende, weil im Blut liegende Voraussetzung seiner nationalen Begeisterung, von der jede politische Aktion getragen sein muß. Daß der Zionismus diese Voraussetzungen mit allen Mitteln fördert, ist sehr begreiflich; unbegreiflich aber, wie er dies durch eine verschwommene Weltanschauung, die mit erkünstelten Antithesen wie etwa: „Volks¬ oder Menschheitskultur? Das Judentum eine Nation oder eine Religion? Golus- oder Palästinajudentum?" operiert, zu erreichen sucht. Er erregt nur Mißtrauen, indem er jede nicht von Palästinapolitik beherrschte Volksanschauung als minderwertig taxiert; gewährt Angriffsflächen nach allen Seiten, verdirbt es mit den „Assimilanten" wie mit dem „Volk", bleibt stets rein theoretischen Anrempeleien von orthodoxer wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.