Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Zionistische Notwendigkeiten
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 286 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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F. A. Meyer, Zionistische Notwendigkeiten. 285 dische Volk zum Objekt degradiert wird, wie dies die offiziellzionistische Auffassung tut. Das „Programm" hat dann durchaus keinen Sinn mehr: „Palästina als Judenland" im günstigsten Falle bedeutet nämlich nicht die Lösung der Judenfrage — nicht einmal im politischen Sinne; denn auf absehbare Zeit — und ich rechne mit Jahrhunderten — ist an ein Aufgehen des jüdischen Volkes in Palästina nicht zu denken; die Machtkonzentration in Palästina bildet aber höchstens die letzte Voraussetzung zu einer starken Volkspolitik. Das zionistische Ideal bedeutet also immer nur eine Art negativer Lösung, indem wir hoffen, daß den zerstreuten Judenmassen der — politische — Goluscharakter genommen werden wird. Nichts mehr, nichts weniger. Ich unterstütze daher Davis Trietschs Vorschlag, *) das Baseler Programm dahin abzuändern: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina," — In dieser Neuformulierung liegt nicht das Wesentliche unserer Feststellung. Dieses liegt vielmehr darin, daß das jüdische Volk als „Volk des Golus" wieder in seine Rechte eingesetzt wird. Mag sich selbst — was ich verneine — im Laufe der Zeiten infolge des Zionismus die Ökonomische, politische, kulturelle und soziale Lösung der Judenfrage automatisch einstellen, so bleiben dennoch die „alljüdischen" Aufgaben in vollem Umfang und unabhängig von dem Gedanken des Zionismus bestehen, — bis das Ideal erreicht ist. Was endlich ausschlaggebend ist: Der Zionismus hat das größte Interesse an dem Wachstum der Golusmächte. Wie soll sich eine Konzentration vollziehen, wenn kein Volk vorhanden ist oder eines, das keine Existenzberechtigung hat! Je stärker das Volk, je stärker der Ueberschuß an Volkskräften, desto nutzbringender die Kolonialpolitik, die dann erst ihren Namen verdient Wir haben gesehen: Die Theorie des Zionismus ist bis zur Verblendung gegenüber den eigenen Voraussetzungen des Zionismus, nämlich dem Bestand des Volkskörpers, gekommen. Man will den Golus, anstatt ihn politisch und geistig aufzuheben — was noch lange, lange nicht im Bereiche der Möglichkeiten liegt —, räumlich aus der Welt schaffen, und infolge der Absurdität dieses Wollens negiert man ihn lieben Mit anderen Worten. Die zionistische Theorie hat sich in einen Irrgarten verrannt. Die Palästinapolitik wird zum Zweck erhoben, das jüdische Volk als Mittel mißbraucht. Denn, muß man einmal die Golusländer auf Jahrhunderte noch als „Judenländer" anerkennen, dann darf man nicht die Palästinapolitik für diese Länder ausschlaggebend sein lassen. Dieses würde nur Ver- *) Die Freistatt, Maiheft, Seite 94.