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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 248

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Morris Rosenfeld
Date
1913-07-15
Page
Seite 248 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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S. Niger, Morris Rosenfeld 247 schlechtweg Gefühl, sondern dieses explosive Gefühl, das sich nach außen durchdrängt, vernehmlich wird. Wie Menschen im allgemeinen, gibt es auch Poeten stiller und lauter Art. Rosenfeld ist der lauteste, der enthusiastischste unter allen jüdischen Lyrikern. („Der Enthusiasmus liegt mir in den Knochen", sagt er irgendwo in seiner Prosa. Er hat zwar einige Gedichte geschrieben („Man jingale" „Mein Kind"), die wundersam still und zart sind. Aber das sind nur einzelne geniale Seelenzustände, nicht der geistige Status quo unseres Dichters. Sobald wir die Gedichte Rosenfelds vorlesen, erheben wir unwillkürlich die Stimme, und oft bemerken wir nicht, wie sich unsere Hand zur Faust geballt hat .... In seiner Lyrik liegt etwas Dramatisches. (Seine schlechten Gedichte aber sind nur theatralisch.) Rosenfeld reiste einst eine Zeitlang umher und las seine Gedichte vor. Das hat mehr als rein biographische Bedeutung: In seiner ganzen Poesie, sogar in ihrem besten Teil liegt etwas Deklamatorisches. (Unter günstigen Umständen würde Rosenfeld nur Hymnen, Oden und Märsche schreiben, aber auch jetzt hat er einiges Feierliche geschrieben, was ihm sehr gelungen ist, z. B. „Ofn byzem fyn jam" [„Sturm"], „Ijew" [„Hiob"], „Matn-Tojre" [„Das Geschenk der Thora"])* Ich möchte seine Lieder in zwei Gruppen teilen: In solche, nicht viel, die man zu Hause lesen kann und soll, in Ruhe, und solche, die man nicht lesen, sondern von einer Estrade vorgetragen hören muß, zwischen einer lauten, tausendköpfigen Zuhörermasse: Erst dann wird ihre Kraft offenbar, erst dann kommt man auf ihren Geschmack. Dann werden die Derbheiten seiner Sprache deutlicher, schreiender, doch deutlicher wird auch ihre Energie. Nicht jeder kann diese Energie vertragen, wie überhaupt nicht jedem eine Poesie zusagt, in der sich das Gefühl des Dichters in seiner ganzen Nackheit enthüllt. Aber sogar jene, die stille Kunst lieben und daher nur einen kleinen Teil von seinen Liedern genießen können, sogar jene werden nicht sagen, daß Rosenfelds rauschende, stür* mende Dichtung falsch, gemacht, erzwungen ist. Unter seinen stillen, kühlen Liedern gibt es viel mehr gedachte, gemachte als unter den heißen, lärmenden. Diese sind immer echter, charakteristischer für ihn. Wenn man das schönste Lied Rosenfelds sucht, findet man es auf den paar Seiten, wo „Man jingale" gedruckt ist, sucht man aber die Individualität, das Ich Rosenfelds, so findet man sie nicht in diesem zarten, schon lang zum Volkslied gewordenen Gedichte, sondern in solchen plebeisch-groben, aber plebeisch-mächtigen Gedichten, wie „Ech straik" („Ich streike") oder „Der lejb" („Der Löwe").

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