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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 247

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Morris Rosenfeld
Date
1913-07-15
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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246 S. Niger, Morris Rosenfeld und für die Menschheit Aber mehr Kinder hat sie nicht," Rosenfelds Muse hat mehr, aber in den letzten Jahren sind es Wechselbälge und Gespenster und keine Kinder, weil sie nicht auf natürliche Weise geboren wurden. Echt sind die Lieder Rosenfelds, die von einem echten Gefühle gezeugt wurden* Ist Rosenfeld denn in dieser Hinsicht eine Ausnahme? Ist Poesie ohne Gefühl denn überhaupt möglich? Und hier handelt es sich doch noch dazu um lyrische Poesie! Wenn man von jemandem sagt, seine Lyrik stamme aus dem Gefühl, ist es nicht fast dasselbe, wie wenn man erzählte, daß seine Lyrik . . . lyrisch ist? Wenn wir bei Rosenfelds Gedichten von Gefühl sprechen, so meinen wir das lebendige, das natürliche, mächtige Gefühl, das die Grenzen überschreitet, das von keiner Zurückhaltung weiß, Gefühl, das die Kunst noch nicht genügend eingedämmt hat, das Gefühl, das unwägbar und unmeßbar ist, Und wie durch ein Wunder, durch eine geheime, im eigenen Innern lebende Kraft, manchmal auch bei Rosenfeld wie ein Stück Musik, wie ein fertiges Kunstwerk in Erscheinung tritt. Eben dies Gefühl, dem nicht die Kunst des Künstlers, sondern das sich selbst von innen her Form und Gestalt schmiedet, wenn es glückt, dies Gefühl ist der gärende, rauschende, schäumende Saft, der im Becher der besseren Gedichte Rosenfelds überfließt und sie auf uns nicht wie Kunstwerke, sondern wie „Stücke seines Herzens und seiner Seele" wirken läßt, wie „Teile des eigenen Lebens", — wie sie der Dichter in der Vorrede seiner „Schriften" nennt. Dieses Gefühl, das sich Verstand und Phantasie des Dichters Untertan macht und seine Gewalt und Herrschaft von ihnen nicht begrenzen läßt, dieser Ueberfluß des sich vollkommen hingebenden Gefühls ist es, was die meisten seiner besseren Lieder auszeichnet und ihnen den Charakter von Naturerscheinungen gibt Es hot mech nit farfirt der bejzer Sütn, Di hechste würhait hot derch mir geshprochn, A grojse kraft hot zing€n mir gebotn, — Man lid hot zech wi lawe derchgebrochn. [Es hat mich nicht der Satan verführt, die höchste Wahrheit hat durch mich gesprochen, eine große Kraft hat Singen mich geheißen, — mein Lied hat sich wie Lava Weg gebrochen.] Wie Lava. Etwas Vulkanisches ist in dieser Poesie. Geschmack, Kultur, das was man Maß nennt, Takt, haben andere jüdische Lyriker gewiß mehr als Rosenfeld. Aber Temperament besitzt er mehr als alle zusammengenommen. Und wenn wir bei Rosenfeld von Gefühl sprechen, so meinen wir nicht

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