Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Morris Rosenfeld
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S. Niger, Morris Rosenfeld. 245 richtig, daß er, sobald ihn ein „Gefühl" bewegt, ein wahres Kunstwerk schafft: Eca kler nit wüs, ech kl£r nit wen Ot plyclyng git in harc a bren, Es git a klem, es git a shpar, Amül di frejd, amül der car — Dös kymt fyn bryst yn nit fyn kop Yn di neshüme nart nit üp. [Ich denke nicht hin und denke nicht her, plötzlich entbrennt mein Her2, es zerrt und reißt, einmal ist's Freude, das andere Mal Leid — Das kommt aus der Brust, nicht aus dem Kopfe und die Seele betrügt nicht ] Ja, die einzige, aber wichtige Bedingung, die die Muse an Rosenfeld stellt, ist, daß sein Lied „aus der Brust und nicht aus dem Kopfe" kommen solle. Dann ist es kräftig und liedhaft, rauschend und schäumend wie ein Strom, der aus dem Gebirge kommt. Aber nur dann. Erkaltet das Herz, und wird das Gefühl schwach, dann lebt seine Poesie nur vom Ungestüm seines früheren Schaffens. Solcher Gedichte, aus denen dieses Ungestüm und die poetische Konvention spricht, gibt es bei Rosenfeld ganze Bände. Bei ihrer Lektüre bleiben wir gleichgültig, wir fühlen, daß es nicht mehr als ein Nachklang ist, wir bewundern aber die Energie und Mächtigkeit des Klanges, der ein so langes und dauerhaftes Echo zurückließ. Wir sind von dem Gefühl entzückt, das auch dann, wenn es nur noch in der Erinnerung lebt, noch nicht ganz schattenhaft ist..... Kurz, wir lieben die ersten Gedichte Rosenfelds. Und je weiter wir von ihnen fortkommen, je mehr wir seine neuen Gedichte lesen, desto lebhafter wird unser Wunsch, zu jenen einstigen zurückzukehren, desto mehr fühlen wir, daß dort, in den ersten Gedichten, die wahre Flamme, das Feuer seiner Lyrik ist, und daß nur der Wind den Rauch und einige verwaiste, leuchtende Funken von verkohlenden Scheiten hertrug . . . . Feiern wir denn jetzt das Jubiläum eines Dichters, der „sich ausgesungen" hat? In einem gewissen Sinne — ja. In dem Sinne, in welcher der Dichter selbst in einem seiner Artikel von einer gewissen Art von Schriftstellern spricht, die sich „ausgeschrieben" haben. „Ist es möglich," fragt er, „daß ein fähiger, fühlender, denkender Schriftsteller plötzlich nichts zu sagen hat oder nicht sagen kann, was er will?" — „Ja, es ist möglich," beantwortet er seine eigene Frage, „daß ein Schriftsteller e i n gutes Werk verfaßt und nicht mehr, genau so wie es möglich ist, daß eine gesunde Frau fünfzig Jahre mit einem Mann lebt und doch nur ein Kind hat. Das Kind ist schön, klug und gut geraten, es besitzt alle möglichen Vorzüge wird ein Segen für die Mutter