Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Entgegnung
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Ludwig Strauß, Entgegnung weiß Herr Bab uns keine andere Befangenheit bei der Einordnung ihrer Arbeit vorzuwerfen als Eitelkeit Wahrlich, es sind nicht die tiefsten Interessen, die Bab zu erkennen geübt ist. Ich komme zum Sachlichen, zu der terminologischen Frage: „Was ist Kunst?" Der naive Mensch ist dieser Frage gegenüber ratlos. Einen Komplex von Erscheinungen faßte er unter dem Namen Kunst zusammen und wußte, was Kunst ist, kann dieses Wissen ausdrücken, indem er auf ein Kunstwerk zeigt: „Dies ist Kunst" Nun verlangt der Verstand von ihm, zu erkennen, wo die begriffliche Grenze der Kunst liegt, nach welchem Gesichtspunkt er Kunst von Nichtkunst schied. Er soll nicht mehr das konkrete Kunstwerk, sondern die Idee der Kunst er* kennen, die Idee, welche ihn ohne sein Wissen bei der Bezeichnung des Kunstwerkes als Kunstwerk leitete. Und da findet der Verstand bei seiner Arbeit in verschiedenen Menschen ein verschiedenartiges Material vor. Er hat zu erkennen, was vom subjektiven Willen als „Kunst" bestimmt wurde. Darum ist letzten Endes der Wille entscheidend, der Verstand kann nichts als diese Entscheidung im Bewußtsein spiegeln, ihren Umriß klar erkennen. Mit dieser Arbeit ist man noch nie fertig geworden, bei dem Begriff der „Kunst" so wenig wie bei dem der „Nation" und vielen anderen. Und da uns das Wort nicht mit einem fest umrissenen Inhalt überliefert wird, wiederholt sich der Prozeß der Namengebung in jeder Persönlichkeit, frei innerhalb der freilich ganz verschwommenen Grenzen der sprachlichen Tradition. Sehr gefährlich ist es, unter solchen Umständen von der Kunst als einer „im menschlichen Denken feststehenden Kategorie" zu reden. Das führt denn auch zu grotesken Resultaten. Bab erklärt, nach allgemein wissenschaftlichem Sprachgebrauch zu verfahren und definiert dann Kunst als: „den Akt, bei dem ein Stück der Sinnenwelt durch rhythmische Behandlung zu übersinnlicher Bedeutung, zu einer Offenbarung des Geistes, des Gottes gebracht wird." Also schon ist die absolute Verknüpfung der Kunst mit religiösen Momenten „allgemein wissenschaftlich" festgelegt, für jeden „denkenden Menschen" geltend. Wie nun, wenn es denkende Menschen gäbe, die Kunst zu genießen behaupten, denen aber das Gefühl für „den Gott" fehlt? Und nun die Ableitung dieser Definition aus der Geschichte! Die Behauptung, ausschließlich in Europa sei Ktins^ geschaffen worden, wobei offenbar alle asiatische Kunst wie die jüdische (Beweis durch die Behauptung) nicht als Kunst betrachtet wird. Selbst aus dem Werk eines wirklich sinnlichen Dichters wie Goethes aber läßt sich die Babsche