Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Entgegnung
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 241 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Ludwig Strauß, Entgegnung. Kraft, die durch die europäischen Nationalkulturen hindurch lösend und umgestaltend" wirkt Nun die Reagenzen: Bab sieht die gewordene gegenwärtige Situation, empfängt sein Gebot vom wahrhaft erfahrenen Leben. Sein Streben ist, sich innerhalb der gegebenen Lage möglichst harmonisch zu bilden. Er sucht Jüdisches und Deutsches in sich wechselseitig zu assimilieren, die Kräfte, die in ihm wirksam sind, versöhnt zur Einheit zu verschmelzen. Wir sehen die Tendenz der Entwicklung; wir erinnern uns, daß in unsern Ahnen das Judentum stärker, konkreter war als in uns; wir wissen, daß eine Nationalität, die sich soweit ins Formale zurückgezogen hat, nicht mehr reale Kraft genug besitzt, sich zu erhalten. Eine Möglichkeit des Diskutierens hierüber besteht sehr wohl. Bab hat keinen Instinkt, ja anscheinend kein Interesse für die Zukunft. Er sieht, daß es ihm als Individuum gelingen kann, deutsch und jüdisch zu sein. Seine Nachkommen aber werden immer mehr deutsch sein, nichts kann sie, nichts Wichtiges kann selbst jemand wie Bab von der Mischehe etwa zurückhalten. „Dem wahllosen Aufnehmen fremder Erlebnisinhalte", schrieb ich an anderer Stelle, „läßt sich nicht beim Erotischen eine willkürliche Schranke setzen." Für uns liegt der Fall anders. Das, was heute die in verschiedenen Kulturen lebenden Juden eint — der „geistige Rhythmus", wie Bab es nennt — erkennen wir als das Kernhafte, Persönlichste in uns. Hier sind die ewigen, formgebenden Kräfte, alles andere sind zuletzt auswechselbare Inhalte. Ein Konflikt besteht, da wir Inhalte aufnehmen müssen, die in fremden Formen gestaltet sind. Nun streben wir einmal zur Einheit, indem wir unsere Kräfte rein und frei entwickeln wollen, damit gleichzeitig zur Zukunft, denn nur durch diese Reinheit und Abgeschlossenheit wird die Erhaltung des jüdischen Volkstums gesichert. Schon diesen Sätzen gegenüber, die nur andeuten können, zerfällt Babs seltsame Behauptung, die „nationale Einordnung" sei mir „letzter Wert an sich" in ihr ursprüngliches Nichts. Ich habe kein Interesse an der Möglichkeit, das Leben in Rubriken zu ordnen und mit Etiketten zu bekleben. Die reine Entfaltung meiner tiefsten Kräfte — und als solche erkenne ich die im Judentum allgemein wirksamen — ist das natürlichste ethische Postulat für mich, in ihre Erhaltung über meine Person hinaus — wie sie die Erhaltung des jüdischen Volkstums mir sichert — mündet mein Selbsterhaltungstrieb. Und noch ein grundsätzlicher Unterschied besteht zwischen Bab und mir in der Auffassung des Nationalen. Denn mir ist der Satz Babs, „daß er zuerst und zuletzt ein Mensch, wenn auch unterwegs ein jüdischer Mensch sein möchte" unverständlich. Die mechanische Scheidung von Judentum und Menschen-