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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 238

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 238 (sequence 15)
Language
German
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 237 masse auf die Psychik des herrschenden Stammes eine tiefgreifende Wirkung ausüben, die ihrerseits seine inneren Zustände wesentlich beeinflussen muß. Mag das herrschende Volk von Natur aus noch so freiheitlich gesinnt sein, es wird doch nimmermehr umhin können, seine Anschauungen in bezug auf den unterjochten Stamm irgendwie auf seine eigenen sozialen Gruppierungen zu übertragen. Es müssen sich innerhalb dieses Stammes Stände und Schichten bilden, die in eine ähnliche geistige Abhängigkeit voneinander geraten, wie der unterjochte Stamm in bezug auf die große Gesamtheit des herrschenden Volkes. Diese Erwägung, die an und für sich a priori klar ist, wird durch die geschichtlichen Tatsachen bewährt: In ihren Wanderungen von den Ufern des Indus zu denen des Ganges trafen die Inder auf einen schwarzen Stamm, die Cudras genannt, die sie teilweise verjagten, teilweise zu Slaven machten. Dies gab den Anlaß zu dem für die Inder so verhängnisvoll gewordenen Kastensystem, Die Vaigyas, die Gewerbetreibenden und Kaufleute, befanden sich den Kriegern und Priestern gegenüber in einer ähnlichen Stellung, wie die Cudras gegenüber dem Ganzen des Volkes, Die Jonier machten die ursprünglichen Einsassen Hellas' zu Sklaven, und die freie griechische Demokratie spaltete sich in der Folge in einen Demos und eine Aristokratie. Die tiefe Kluft, die noch bis auf den heutigen Tag zwischen den Ständer in allen europäischen Staaten klafft, diese Differenz zwischen dem sogenannten „Volk" und der „Intelligenz" hat keinen anderen Ursprung als die Leibeigenschaft Das Judentum blieb von diesem Krebsschaden bewahrt. Es gibt kein Volk auf dem ganzen Erdrund, das innerlich so frei wäre wie das jüdische. Es hatte wohl hin und wieder gelegentlich Sklaven, aber es war nie in permanentem Besitz eines ganzen versklavten Stammes. Die biblischen Gibeonim waren gering an Zahl, gehörten zum Tempel und kamen mit dem Volke wenig in Berührung. Die durch Johannes Hyrkanus bekehrten Idumäer haben wohl aus ihrer Mitte einen Despoten hervorgebracht, der das jüdische Volk knechtete und das Reich an die Römer verkaufte — zu Sklaven jedoch wurden sie nicht gemacht. Sonach blieb die jüdische Kultur von den Gefahren, die jede eroberungssüchtige Politik mit sich führt, verschont. Das Judentum ist ein bestimmter Kulturtypus, und zwar ein solcher, der das bewegliche Gleichgewicht zwischen Persönlichkeit und Gesamtheit herzustellen und aufrechtzuerhalten strebt. Das Judentum verlangt nicht von der einzelnen Person das völlige Aufgehen und Verschwinden in der ganzen Gesamtheit, kann aber auch unmöglich zugeben, daß diese nur einen Umweg um die Persönlichkeit bedeute. Vielmehr ist die gegenseitige

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