Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 237 (sequence 14)
- Language
- German
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236 Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. Persönlichkeiten sollen nur einen Umweg um sie darstellen. Weder von dem einen noch von dem anderen Standpunkt gibt es einen direkten Weg von der Masse zur Persönlichkeit und von dieser zu jener, sondern immer nur einen Umweg um sie, d. h, entweder muß die Masse über die Persönlichkeit oder diese über jene hinwegschreiten. Der Antagonismus zwischen Gesamtheit und Persönlichkeit, ja ein solcher zwischen Mensch und Mensch überhaupt, ist der wesentliche Zug dieses Kulturtypus bis auf den heutigen Tag geblieben, weil hier nichts die Seelen miteinander verbindet So muß das Wesen einer geistigen Kultur geartet sein, die von keinem ethischen Zuge getragen ist. Eine derartige Kultur mag dem Verstände vieles zu bieten haben, mag Reichtümer anhäufen und Lebensbequemlichkeiten vermehren, zu der Seele aber spricht sie nicht, und ihre Bedürfnisse zu stillen ist sie nicht imstande. Die innere Beschaffenheit der ganzen jüdischen Geistesrichtung konnte, wie gesagt, zu einer eroberungstüchtigen Politik keinen Anlaß bieten. Die paar ehrgeizigen Könige, die an der Spitze des jüdischen Volkes standen, hatten nie mit den breiten Schichten enge Fühlung bekommen können. Zur Zeit des ersten Tempels hatten sie fortwährend mit dem Einfluß der Propheten zu kämpfen, und man kann es ihnen wahrlich nicht verdenken, wenn sie von Zeit zu Zeit sich gezwungen sahen, zu strengen Maßregeln gegen diese lästigen Menschen zu greifen. Zur Zeit des zweiten Tempels stellte ihnen die Partei der Pharisäer Hindernisse in den Weg. Diese Vernachlässigung der äußeren Politik, eine direkte Konsequenz der Vernachlässigung der äußeren Natur überhaupt, ist für das jüdische Staatswesen verhängnisvoll geworden. Das jüdische Volk geriet in fortwährende Abhängigkeit von verschiedenen eroberungslustigen Herrschern und Königen. Die Juden zeigten sich bereit, mit jedem Regime sich zufrieden zu geben, sobald es ihre geistige Kultur nicht antastete, ohne dabei zu bedenken, welche schlimme Folgen ein derartiges Sichgehenlassen nach sich ziehen könnte. Trotzdem aber dieses Verhalten auf das Haupt des Volkes vieles Mißgeschick heraufbeschwor, sicherte es doch anderseits die jüdische Kultur vor Entartung und Verwesung. Denn hier tritt ein Umstand in Kraft, der auf den ersten Blick vielleicht als nebensächlich erscheinen wird, der aber für die innere Gliederung des jüdischen Gemeinwesens von einschneidender Bedeutung war. Alle anderen Völker nämlich kamen auf dem Wege der Eroberungen dazu, sich fremde Stämme einzuverleiben. Das System der Ausrottung feindlicher Völkerschaften konnte auf die Dauer nicht stichhalten und mußte dem System der Sklaverei weichen. Nun muß der Besitz einer versklavten und rechtlosen Menschen-