Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 236 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr, R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 235 entfernten sich niemals allzuweit von der Mittellinie der Oesamt* heit. Dies wird vielleicht paradox erscheinen angesichts der Tatsache, daß die Propheten solche hartnäckigen Kämpfe mit dem in Judäa überhand nehmenden Götzentum auszufechten hatten. Allein die Propheten handelten nur im Sinne der Gesamtheit, denn die Anhänglichkeit an dem einzigen Gott, an dem einstigen Befreier und Erlöser lebte immer im Gemüte des Volkes. Die Propheten weckten nur seine besseren Instinkte. Mit den Königen, die große Politik machten und dem Volke entfremdet waren, lagen sie beständig in Fehde, mischten sich ungebeten in die politischen Angelegenheiten des Landes und pfuschten den jüdischen Politikern ins Handwerk. Denn wir dürfen nicht annehmen, daß die Propheten einen besonderen politischen Scharfblick besessen hätten. Wo sollten sie ihn hergenommen haben? Die Lebensschule, die sie durchgemacht hatten, war gar nicht dazu angetan, politischen Sinn in ihren Köpfen zu fördern. Sie waren meistens schlichte Männer, die den politischen Interessensphären fern standen, und ihre geistige Energie konzentrierte sich ausschließlich auf Fragen des Gewissens, die mit politischem Treiben nichts zu tun haben* Aehnliches läßt sich in der Periode des zweiten Tempels beobachten* Solange die hasmonäische Dynastie für die Aufrechterhaltung des Gesetzes focht, wurde sie von den sogenannten Chassidim, den Vorläufern der Pharisäer, aufs eifrigste unterstützt. Sobald sie aber, ihrer privilegierten Stellung gemäß, sich der äußeren Politik zuwandte und das Gesetz zu vernachlässigen begann, flugs verwandelten sie sich in ihre erbittertsten Widersachen Zwischen den großen jüdischen Eroberern, einem Johannes Hyrkanos, Alexander Jannai, Herodes und den Pharisäern herrschte ewige und unversöhnliche Feindschaft. Dies ging soweit, daß die Pharisäer einen fremden, syrischen König, Demeter III., ins Land riefen, um mit seiner Hilfe den Alexander Jannai zu stürzen. Die Pharisäer handelten immer im Sinne des Volkes, dem Königtum und hohe Priesterschaft fremd geblieben waren. Wie aber ein vorwiegend nach außen gerichteter Kulturtypus beschaffen sein muß, dafür hat Nietzsche eine in der Form freilich übertriebene, im Grunde ihres Wesens aber zutreffende Formel geprägt, indem er den Ausspruch getan hat, die ganze Geschichte eines Volkes sei nichts weiter als ein Umweg um vier, fünf große Männer. Dreht sich, von diesem aristokratischen Standpunkte aus gesehen, die ganze Masse der Menschheit um einige hervorragende Persönlichkeiten, so kehrt die Demokratie in der Person ihrer Vertreter und Wortführer einen entgegengesetzten Standpunkt hervor. Danach soll sich die ganze Geschichte ausschließlich um die Masse drehen, und die großen