Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 235 (sequence 12)
- Language
- German
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234 Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. eines Hegel mit lebendiger Teilnahme lauscht, es sei denn, daß er zufälligerweise der philosophischen Zunft angehört; wir möchten den Durchschnittsdeutschen kennen lernen, der, ohne Musiker von Fach zu sein, die „Matthäus-Passion" und die „Missa solemnis" im Innersten seiner Seele trägt. Wir möchten überhaupt den Durchschnittsarier kennen, dem Kultur Herzenssache wäre und nicht vielmehr ein leeres Wort ist. Ein Kulturtypus dieser Art war wenig dazu geeignet, eine im Innern fest gegliederte und nach außen angriffslustige Staatlichkeit zu zeitigen. Er war auch wenig dazu geeignet, die äußere Natur zu erobern und menschlichen Zwecken dienstbar zu machen. Der ausschließlich nach innen gerichtete Blick kann wohl auf seelischem Gebiet große Entdeckungen machen, die unbefangene Beobachtungsgabe aber muß darunter notwendig eine beträchtliche Einbuße erleiden. Vernachlässigung und Geringschätzung alles Aeußerlichen mußte sich notwendig als unmittelbare Folge einer derartigen Geistesrichtung einstellen. Bei einer derartigen geistigen Konstellation konnten staatliche Angelegenheiten nimmermehr gedeihen. Für jene ist es gewiß zuträglich, wenn zwischen den Mitgliedern der Gruppe ein relatives Gleichgewicht herrscht, daß sie durch innere Zwistigkeiten sich nicht gegenseitig aufreiben. Allein die völlige Unabhängigkeit der einzelnen Person gegenüber der Gesamtheit, die Fähigkeit dieser Person, die Gesamtheit jeden Augenblick voll und ganz zu repräsentieren, muß auf die Dauer jedem Unternehmen großen Stils hinderlich werden. Dieses fordert die Ueberordnung dessen, was als allgemeines Interesse betrachtet oder für ein solches ausgegeben wird; es fordert einerseits, daß die überwiegende Mehrzahl im Ganzen aufgehen, und, daß es anderseits eine verschwindende Minderzahl geben soll, die den Uebermut besäße, alle Schranken des Gehorsams zu durchbrechen. Der Typus des Eroberers, des Abenteuerers, des Anführers, des Heros, oder mit einem modern gewordenen Ausdruck zu sprechen, der Typus des Uebermenschen, der alle Normen, Verpflichtungen, Gesetze, kurzum, alle geistige Abhängigkeit über den Haufen wirft, konnte da nicht entstehen, wo es eine solche überhaupt nicht gab, wo die einzelne Person in vollständiger geistiger Harmonie mit der Gesamtheit dachte und lebte. Wo es keine Untermenschen gibt, da ist auch kein Platz für Uebermenschen da. Auch der Typus des geistigen Eroberers, der Typus des Denkers großen Stils, der alle geistigen Besitztümer der Gesamtheit schonungslos vernichtet, konnte auf diesem Boden nicht gedeihen. Denn auch dem Denker großen Stils muß eine harte Mauer von Vorurteilen in den Weg gestellt werden, um seine Angriffslust zu reizen. Die jüdischen Heroen