Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 234 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 233 einzelnen Person lag nichts im Wege, das Thema in dem Sinne zu erweitern, daß aus diesem Akte der Befreiung, der sich ursprünglich auf die Gesamtheit bezog, ein Akt der Erlösung werden sollte, der den subjektiven Kern der einzelnen Seele trifft, wie wir es bereits vielfach bei den Psalmisten und hin und wieder auch bei den Propheten sehen. Hier war der Boden geschaffen, wo Individuum und Gesamtheit einander durchdringen konnten. Das Thema als solches bleibt unversehrt und klingt in den Variationen fort Das Thema lebt in den Variationen, und diese tragen in sich den Typus des Themas, die Gesamtheit lebt im Individuum, und das Individuum trägt in sich die Züge der Gesamtheit. Und dadurch war erst der Typus einer eigentlichen geistigen Kultur geschaffen, denn jede geistige Kultur, wenn sie ihren Namen mit Recht verdient, muß im Bewußtsein jeder einzelnen Person ihre Lebendigkeit und Frische bewahren können. Es ist nämlich ein gewaltiger Irrtum zu glauben, daß literarische, künstlerische und philosophische Erzeugnisse, und wären sie noch so gehaltvoll und erhaben, den Inhalt einer geistigen Kultur je zu erschöpfen vermögen, solange sie nicht im Geiste der Person flüssig werden, Sie bleiben Sachen, die in Bibliotheken aufbewahrt werden und unterscheiden sich nicht im geringsten von Erzeugnissen materieller Natur. Freilich kann man keineswegs verlangen, daß geistige Schätze, die eine ganze Gesamtheit im Laufe einer langen Entwicklung angehäuft hat, in das feste Besitztum der Person übergehen. Was wir aber von einer geistigen Kultur fordern können und müssen, ist, daß alles, was die Gesamtheit an geistigen Werten schafft, in der Seele der Person einen lebendigen Nachhall findet, daß die einzelne Person diesen Werten ein intimes und warmes Verhältnis entgegenbringen soll. Wer nun das Judentum innerlich kennt und nicht bloß vom Hörensagen darüber urteilt, weiß ganz genau, daß, solange sich das Judentum in den Bahnen seiner geistigen Kultur bewegte, es diesem Erfordernis nahezu vollständig entsprach und bis auf den heutigen Tag entspricht. Jeder Durchschnittsjude, solange er natürlich Jude geblieben ist, kennt die Schöpfungen seiner Dichter genau, verfolgt mit lebhaftem Interesse die Debatten und Kontroversen seiner Gelehrten, soweit es natürlich seine Kenntnisse und sein geistiger Horizont gestatten; jeder Durchschnittsjude, selbst der Unmusikalische, ist mit dem aus seinem historischen Kulturmilieu entstandenen Gesängen und musikalischen Erzeugnissen vollständig vertraut. Und sollten seine Kenntnisse und Vorstudien sich als unzulänglich erweisen, um an der Entwicklung seiner Kultur direkterweise teilzunehmen, so wird er wenigstens in seiner Seele eine Ehrfurcht davor bewahren. Dagegen möchten wir den Durchschnittsdeutschen kennen lernen, der den Ausführungen eines Kant und