Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 233 (sequence 10)
- Language
- German
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232 Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. seine Götter dachte, seinen sonstigen Anschauungen den Stempel aufdrückte. Kein geringerer als Schopenhauer hat den Gedanken geäußert, die Religion sei die Metaphysik des Volkes, und wenn dieser Gedanke für unsere Gegenwart etwas von seiner Geltung zu verlieren beginnt, so trifft er doch genau für die kulturellen Zustände der antiken Welt zu. Von Indien wissen wir ganz bestimmt, daß sich dort sämtliche Fragen philosophischer Natur um diejenige nach dem Wesen des Atman drehten, und, soweit wir urteilen können, wird es auch in Aegypten und Persien der Fall g ewesen sein. Die einzige Ausnahme in dieser Hinsicht scheint Griechenland zu machen. Aber dies scheint uns nur deshalb, weil wir von jeher gewohnt sind, den griechischen Geist nicht unter dem weiten Gesichtswinkel einer Geschichte des allgemeinen Kulturlebens, sondern bloß unter dem einer speziellen Geschichte der Philosophie zu sehen, die sich natürlicherweise vorwiegend um die Abfolge der Systembildungen kümmert. Allein die immerhin noch ganz spärliche Schar einzelner Philosophen ist für das hellenische Wesen gar nicht so maßgebend, wie wir meinen. Wir schenken zu wenig Beachtung all diesen Mysterien und geheimen Kulten, die überall in Griechenland ihr Wesen trieben. Für die griechische Geistesrichtung ist die Kunst weit maßgebender, und diese stand im Dienste der polytheistischen Religion. Außerdem ist es immer nur eine ziemlich weit vorgeschrittene Kulturphasis, die wir im Auge haben, wenn von Griechenland die Rede ist. Jedenfalls beherrscht auch hier die Mythologie das Denken des Volkes. Wir haben bereits oben erwähnt, daß der religiöse Subjektivismus zuerst im Bewußtsein des Judentums erwachte. Wie war nun dieser Subjektivismus beschaffen? Wir haben absolut keinen anderen Maßstab für die Beurteilung der eigenartigen Entwicklung des jüdischen Geistes, als die wohlbewährte geschichtliche Tatsache, an der zu zweifeln nicht der mindeste Grund vorliegt, daß es sich hier hauptsächlich um einen Befreiungsakt handelte. Zum erstenmal in der Geschichte wurde die Gottheit in menschliche Schicksale hineingezogen, und die Schicksale waren gleichzeitig so beschaffen, daß auch Individuum und Gesamtheit miteinander eng verwoben wurden. Denn die Befreiung galt dem einzelnen Individuum in der gleichen Weise wie der ganzen Gesamtheit. Hierin lag jenes seelische Zentrum, in dem die abweichenden Geistesrichtungen der einzelnen Individuen sich miteinander kreuzten. Ein Befreiungsakt sui generis ist zu jenem grundlegenden Thema geworden, das die ganze jüdische Geschichte nunmehr mit ihrer Melodie durchdrang. Der Phantasie des Individuums wurde hiermit ein weiter Spielraum gewährt, dieses Thema mannigfach zu variieren. Der