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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 232

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 232 (sequence 9)
Language
German
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 231 geschichtliche Tatsache hinnehmen, die einzig in ihrer Art ist, und über die uns keine noch so scharfsinnige und gewissenhafte Untersuchung aufzuklären imstande ist Der englische Forscher Robertson Smith muß unseres Erachtens als der scharfsinnigste und gewissenhafteste bezeichnet werden. Kein zweiter hat gleich ihm solche tiefen Einblicke in semitisches Wesen getan« Und doch vermag er keineswegs zu befriedigen und läßt uns gerade da im Stich, wo die Sache problematisch zu werden beginnt Sein Kardinalfehler besteht darin, daß er das Judentum als einen Spezialfall des Semitentums ansieht, während ersteres auch hier seine eigenen Wege geht. Alle Sätze, die er in bezug auf semitisches Wesen aufstellt, lassen sich, wenn nicht in ganz gleicher, so doch überraschend ähnlicher Weise auf alle Stämme der alten Welt anwenden. Die Auffassung vom Stamme als einer einzigen, ungeteilten Einheit, in der das einzelne Individuum vollständig aufgeht, die Vergöttlichung jedes natürlichen Phänomens, das entweder den Schein des Lebens erweckt oder deutliche Anzeichen eines solchen zeigt, wie der sprudelnde Quell, der blühende Baum, der sausende Wind, ferner die Verwandtschaft mit der Gottheit im Sinne der Abstammung, indem nämlich der Stamm auf einen göttlichen Ursprung zurückgeführt wird — alle diese Erscheinungen, die er als spezifisch semitische Züge betrachtet, finden sich bei allen Stämmen der Antike wieder, bei Aegyptern, Indern, Hellenen, Persern, den alten Germanen und vielen anderen primitiven Völkerschaften. Und trotzdem waltet in den Anschauungen all dieser Stämme der religiöse Objektivismus, die Vorstellung von der Gottheit als einer höheren Gewalt, die man durch Opfer und Gebete sich wohlgeneigt machen kann, die aber dem Menschen und allem menschlichen Treiben fremd und gleichgültig gegenübersteht. Wir finden dort nicht den Keim des religiösen Subjektivismus, die Liebe, die Hingebung, das unbedingte Vertrauen dieses Subjektivismus, der uns als das Wesentliche der Religion gilt, und der nur dem Boden des Judentums entsproß. Vor allen Dingen vermissen wir dort die dem Judentume so eigentümliche harmonische Verschmelzung des Individuums mit der Gesamtheit, wo das Individuum sich als Glied der Gesamtheit fühlt und daher nichts von seiner Persönlichkeit aufzugeben braucht, und damit berühren wir einen Punkt von großer Wichtigkeit, der den jüdischen Kulturtypus vor allen anderen ein für alle Mal in entscheidender Weise auszeichnet. Denn um einen Typus der Kultur handelt es sich hier. Man muß nämlich bedenken, daß die geistige Kultur der antiken Welt sich vorwiegend in der Ebene religiöser Vorstellungen bewegte, und daß die Art und Weise, wie sich der antike Mensch

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