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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 231

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 231 (sequence 8)
Language
German
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230 Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. Göttern eine günstige Entscheidung abzuringen. Ein derartiges Verhalten muß sich naturgemäß einstellen, sobald man die Gottheit vorwiegend als Naturmacht auffaßt. Denn ebenso, wie die Naturgewalten sich durch geeignete Vorrichtungen bearbeiten lassen, ebenso kann man auch die göttliche Macht durch gewisse Handgriffe behandeln. Mythos und Kult beeinflussen sich hier gegenseitig. Denn ebensowenig, wie der antike Mythos den Menschen in eine innerliche Beziehung zu der Gottheit brachte, ebensowenig vermochte es der Kult, in die Seele des Menschen einzudringen. Für das Wesen des Judentums ist es daher sehr charakteristisch, daß rein innerliche, ethische Momente eine rituelle Bedeutung gewannen. Der jüdische Mythos war eben ganz anders geartet. Er stellte von vorneherein den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hierin Hegt übrigens der Ursprung jener rationalistischen Tendenz, die in gewissen Perioden der jüdischen Geschichte das jüdische Denken in bestimmte Bahnen lenkte, und durch die sich nicht wenige hervorragende Forscher des Judentums irrtümlich dazu verleiten ließen, den Rationalismus für seinen eigentlichen Kern auszugeben. Wir können in diesem Zusammenhange auf dieses Thema nicht weiter eingehen, denn dieses bedeutungsvolle, folgenschwere soziale Phänomen erheischt eine ganz spezielle Behandlung. Diese Intimität nun zwischen Gott und Mensch, die dem religiösen Bewußtsein unserer Tage, sofern es nur ein echtes und wahres ist, freilich als etwas Selbstverständliches gilt, die aber die nichtjüdische Antike nicht im entferntesten kannte, konnte nur einer Auffassung entstammen, die die Gottheit nicht sub specie naturae betrachte, sondern sie in die Lebensschicksale menschlicher Wesen hineinzog. Sie konnte nur aus der jüdischen Wurzel hervorwachsen, denn wir möchten gerne darüber belehrt sein, wo zuerst in der Antike der Gedanke laut wurde, daß das höchste Wesen nicht nur ein Paradegott ist, auf Sonnenpfaden in prächtigem Wagen dahineilend oder Gewitterkeulen schwingend, sondern auch mit Vorliebe seine Wohnstätte im Verborgenen und Dunklen des menschlichen Gemüts errichtet, wie wir es vielfach von den Psalmisten und Propheten zu hören bekommen. Auch möchten wir gerne diejenigen religiösen Dokumente der Antike kennen lernen, die zu uns diese Sprache des Herzens redeten, und in denen wir uns so ganz wiederfinden könnten, wie es mit den religiösen Dokumenten des alten Judentums der Fall ist. Ein unversiegbarer Quell religiöser Lyrik, der noch bis auf den heutigen Tag im Innersten des Judentums lebendig ist. Diese ganz aparte Stellung des Judentums innerhalb der antiken Kulturwelt müssen wir vorläufig ohne weiteres als eine

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