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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 230

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 230 (sequence 7)
Language
German
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 229 Weise ab. Der Lyrismus kann sich keineswegs mit der Vorstellung eines Fahims aussöhnen. Und dieses Fatum ist es gerade, das im tieferen Orient, woher die eigentlichen orientalischen Einflüsse kommen, seine prägnanteste, ja krasseste Ausbildung gefunden hat. Wer einmal einen Einblick in die Hymnen des Rigvedas getan hat, der wird gewiß den erhabenen Oedankengängen, die dort zum Ausdruck gelangen, seine Bewunderung nicht versagen können, er wird aber zugleich von der Trockenheit des dort herrschenden Tones aufs unangenehmste berührt werden müssen. Das Individuum als solches kommt zu kurz. In den Lehren der Upanischads erreicht die philosophische Spekulation eine geradezu schwindelige Höhe, aber für das menschliche Gemüt findet sich dort kein Platz. Von dorther stammt auch der ungeheuerliche, grauenerregende Gedanke der ewigen Wiedergeburt, die zugleich die ewige Schuld bedeutet, und die jeden Menschen für eine Schuld büßen und leiden läßt, deren er sich nicht im geringsten bewußt ist Danach ist nämlich der irdische Wandel eines jeden Menschen genau und strikte bestimmt durch ein früheres Leben, das er vor seiner Geburt, man weiß nicht wo, man weiß nicht wann, geführt haben soll. Der Gute ist nur deshalb gut, der Böse nur deshalb böse, weil er in einem Leben vor seiner Geburt, in einem vorbewußten Dasein also, schon einmal gut und böse gewesen sein soll. Wenn man den Umstand in Erwägung zieht, daß das einmal Geschehene in alle Ewigkeit nicht abzuändern ist, und daß dieses einmal Geschehene, von dem das Individuum in seinem irdischen Wandel nicht die leiseste Ahnung hat, nun sein ganzes Handeln, sein ganzes Tun und Lassen binden soll, so wird man sich sagen müssen, daß ein furchtbareres Fatum kaum auszudenken ist. Diesen Gedanken hat der hl. Augustinus aufgenommen und verarbeitet, und seitdem bildet er einen der wichtigsten Bestandteile der christlichen Lehre, Es ist dies der unheimliche Gedanke von der Prädestination und der Gnade, wonach die Menschheit für die einmal begangenen Sünden Adams büßen muß, und wonach die Erlösung des Menschen nicht von seinen Werken und Verdiensten, sondern lediglich von einem willkürlichen Akte Gottes abhängt Die spezifische religiöse Färbung, die wir am liebsten den religiösen Lyrismus nennen möchten, und die einen sehr hohen Grad von Vertrautheit zwischen Mensch und Gott voraussetzt, ist der gesamten Antike eine noch ganz unbekannte Erscheinung. Für diese Antike ist es in hohem Maße bezeichnend, daß alle die religiösen Zeremonien und Manipulationen, die den Inhalt des antiken Kultes ausmachen, in den Augen der einzelnen Person die Bedeutung eines gewissen mechanischen Apparates besaßen, den man durch den dazu geeigneten Priester bedienen ließ, um den

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