Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 229 (sequence 6)
- Language
- German
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228 Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. Regungen der individuellen Seele zu suchen ist, daß der Puls des religiösen Lebens in den einsamsten Stunden am lautesten schlägt, daß mithin die Religion erst in der Isoliertheit des Individuellen ihr wahres Wesen voll und ganz zu entfalten vermag. Diese Betrachtungsweise war der Auffassung der Antike unbekannt, denn die Antike kam aus dem Rituellen nicht heraus* Man sagt uns, daß das Christentum erst diese Wahrheit entdeckt und der Menschheit verkündet hat. Nun möchten wir gerne wissen, wo es das Christentum eigentlich hergenommen hat. So weit die Geschichte sich verfolgen läßt, sind für die Bildung des Christentums drei Momente von ausschlaggebender Bedeutung gewesen — das jüdische, hellenische und orientalische. Der hellenische Faktor gibt sich vorzugsweise in der intellektualistischen Ausgestaltung der christlichen Idee zu erkennen. Platonische und neuplatonische Gedankengänge haben wesentlich dazu beigetragen, den christlichen Lehren eine philosophische Prägung zu verleihen. Das Wesen Gottes, sein Verhältnis zu Christus einerseits und zum Menschen anderseits erfuhren dadurch eine begriffliche Klärung. Der Lyrismus dagegen ist eine Pflanze, die unter dem milden Himmel Hellas' nur schlecht gedieh. Trotz alles Kniebeugens vor hellenischem Wesen kann doch die hellenische Kunst in unserem Herzen nicht mehr den Widerhall finden, den sie finden sollte und allem Anscheine nach beim echten Hellenen fand. Wir sind gerne bereit, den hohen Kunsterzeugnissen Griechenlands die gebührende Bewunderung zu zollen, müssen aber doch im Geheimsten unserer Seele uns eingestehen, daß diese prächtigen Blumen des lyrischen Duftes ermangeln. Schön ist es freilich, in den griechischen Gärten zu lustwandeln, keine grelle Farbe beleidigt unser Auge, kein rauher Ton verletzt unser Ohr, aber wir lechzen doch nach einem Tropfen Lyrik. Wir sind einmal für griechisches Wesen gründlich verdorben. Wir haben eine Seele, die mit dem griechischen Pathos nicht harmonieren will. Das hellenische Pathos ist würdevolles Hinnehmen des Fahims, unser Pathos ist Protest. Und der Orient? Der orientalische Faktor, der auf die Ausgestaltung der christlichen Lehren die mächtigste Wirkung ausgeübt hat, ist noch weit weniger imstande, diese subjektive Reaktion auszulösen, die das Wesen des Lyrischen ausmacht Wenn die Fähigkeit des Fühlens überhaupt in einer organischen Reaktion des Individuums auf die Einflüsse der äußeren Natur besteht, so stellt der Lyrismus eine gewisse Form einer Personalreaktion dar, die die ganze äußere Natur umzustimmen sucht. In der Lyrik gründet sich der menschliche Geist gleichsam sein eigenes Reich, und die Gesetze, die in diesem Reiche walten, weichen von denen der äußeren Natur in radikaler