Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 228 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 227 wunderungswürdiger Folgerichtigkeit vollziehen. Wenn es eine feststehende kulturhistorische Tatsache gibt, über die kein Zweifel und Meinungsstreit mehr herrscht, so ist es die, daß fast alle bedeutenden Völker der kulturellen Antike, Hellenen wie Perser, Aegypter wie Inder, von wilden Stämmen gar nicht zu reden, die Gottheit ausschließlich durch das Medium der Natur sahen und erkannten; daher sind ihre Götter nichts anderes als personifizierte Naturgewalten und Naturprozesse, und die Geschichten ihrer Götter nur eine solche von den Beziehungen der Naturphänomene zueinander. Der Polytheismus ist nur eine unmittelbare Konsequenz dieser Auffassung, denn wer die Gottheit nur durch das Medium der äußeren Natur sieht und erkennt, der muß sie sich als vielfältig und in sich gespalten denken, ebenso wie die Natur es ist. Von weit größerer Tragweite jedoch ist eine andere Konsequenz, die notwendig daraus entspringen mußte. Wer die Gottheit durch das Medium der äußeren Natur erblickt, dem muß sie als etwas Fremdes gegenüberstehen. Denn was wir auch über das Wesen und das Ansich der Natur denken mögen, es wird kein Mensch die Tatsache leugnen können, daß die Natur dem unmittelbaren menschlichen Bewußtsein als ein Fremdes erscheint. Ebenso wie die äußere Natur dem Ichbewußtsein sich als ein Nicht-Ich darstellt, ebenso muß auch die sich hinter dieser Natur verbergende Gottheit ein Nicht-Ich sein. Daher die Indifferenz zwischen Mensch und Gott, daher die unbedeutende Stellung des ethischen Moments in den Religionen der nichtjüdischen Antike. Wie ganz anders beim jüdischen Mythos! Was an ihm insbesondere auffallen muß, ist die nebensächliche Rolle, die die äußere Natur in ihm spielt. Gewiß ist sie da, gewiß müssen ihre Gesetze respektiert werden, soll das Leben erhalten bleiben. Aber nicht in ihr liegt der Schwerpunkt des Göttlichen. Sie ist nur ein Inbegriff von Objekten, an denen der Herrgott herumexperimentiert, um zu zeigen, was er kann, und eventuell seinem Volke natürliche Dienste zu leisten. Der Schwerpunkt des Göttlichen liegt im Leben des Menschen, freilich vor allem im Leben des Stammes, Daraus folgt zweierlei: 1. Ebenso wie der fremde Mensch hinter einem fremden Leben ein seinem eigenen analoges wittert, ebenso muß die göttliche Natur in allen verschiedenen Lebensäußerungen die gleiche sein. 2. Die Gottheit ist mir nicht fremd, sie ist in meinem Innern. Der religiöse Subjektivismus, die Intimität zwischen Gott und Mensch oder der religiöse Lyrismus, wie wir es am liebsten nennen möchten, hat hier seinen historischen Ursprung. Wir freilich sind bereits mit dem Gedanken vertraut, daß der Quell aller echten und unverfälschten Religiosität in den geheimsten