Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 227

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 227 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119806-3120378--0381-3120475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

226_Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. waltet — dieser Gedanke konnte zuerst nur in einem philosophischen Bewußtsein aufkommen. Die Götter des Himmels, der Erde, des Feuers und des Windes sind alle reale und handgreifliche Gestalten, wie die sie repräsentierenden Erscheinungen selber. Allein die hinter diesen Erscheinungen sich verbergende einzige Gottheit ist zwar denkaber nicht wahrnehmbar. Sehr schön und tief ist die Bemerkung Max Müllers in dieser Hinsicht: Gott und Götter haben absolut nichts Gemeinsames miteinander. Was das antike Bewußtsein unter Göttern und das spätere unter Gott versteht, ist seinem Wesen nach etwas total Verschiedenes. Der höchste unter den Göttern mag immerhin die höchste Gewalt besitzen, seiner Beschaffenheit nach gehört er ganz derselben Sippschaft wie alle anderen Götter an, ebenso wie der höchste Mensch immer noch ein Sterblicher bleibt. Der Gott des Monotheismus ist ein Wesen ganz anderer Art, und daher kann das, was von Göttern ausgesagt wird, auf ihn keine Anwendung finden. Die alten Hebräer waren keine Philosophen. Selbst den Propheten lagen philosophische Reflexionen sehr fern. Natürlich vollzog sich der Gedanke des Monotheismus auf sehr lang- und mühsamem Wege, Daß es ihm erst nach schweren und langwierigen Kämpfen gelang, sich allmählich Bahn zu brechen und in das Bewußtsein weiterer Schichten einzudringen — darüber brauchen wir uns wahrlich nicht zu verbreiten. Wir dürfen auch nicht annehmen, daß er in Prophetenkreisen auf keinen Widerstand stieß, denn bekanntlich erzählt uns vielfach die Bibel von sogenannten falschen Propheten, die ihm mannigfache Hindernisse in den Weg legten. Nur von einer Tendenz können wir sprechen. Und diese Tendenz ist so unverkennbar und bricht mit solcher elementaren Gewalt hervor, daß sich uns unwillkürlich die Frage nach ihrem Ursprung aufdrängt. Klar ist es jedenfalls, daß Betrachtungen philosophischer Natur sie nicht erzeugen konnten. Wenn es wahr ist, daß der Gottesbegriff nur eine Projektion des menschlichen Gemüts darstellt, das will sagen, daß der Mensch sich die Vorstellung Gottes nach seinem eigenen Bilde formt, daß er der göttlichen Physiognomie seine eigenen Züge aufprägt, und zwar diejenigen unter ihnen, die er sich nur in seiner Phantasie auszumalen vermag, die seinem geistigen Auge in der Gestalt eines vollendeten Typus vorschweben, ganz in derselben Weise, wie das liebende Gemüt sich den Typus des geliebten Menschen konstruiert — so kann dieser Gedanke erst in dem Rahmen des Judentums seine volle Verwertung und zutreffende Anwendung finden. Denn nur im jüdischen Mythos sehen wir diesen Weg von innen nach außen sich mit be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.