Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 226 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usw. 225 heraus, und theologische Spekulationen markieren jeden Wendepunkt ihrer Entwicklung. Aus diesen Spekulationen erwuchsen in der Folge die charakteristischen Typen der philosophischen Weltanschauungen, der Spiritualismus wie auch der Materialismus, der Monismus wie der Dualismus, unabhängige Systembildungen, die in dieser Gestalt freilich einen Anspruch auf selbstständige Stellung erheben dürfen. Allein, immer und überall handelt es sich bei ihnen darum, das Wesen des Atman, das Wesen Gottes zu ergründen und zu bestimmen, und immer war es der religiöse Trieb, der zugleich auch das Ferment ihrer Forschungen bildete. Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Mythologien der antiken Kulturwie auch Naturvölker wirft, und dann seine Aufmerksamkeit dem jüdischen Mythos zuwendet, der in den Bibelgeschichten klar vor aller Augen liegt, dem wird ein merkwürdiger Umstand kaum entgehen können: der Mythos aller dieser antiken Stämme handelt fast durchweg von den Beziehungen der Götter untereinander, die Geschichte des eigenen Stammes spielt dabei eine sehr untergeordnete und unbedeutende Rolle. Der jüdische Mythos dagegen dreht sich ausschließlich um die Beziehung der Gottheit zum eigenen Stamme, und wenn dabei von anderen Göttern die Rede ist, so geschieht es auf eine gelegentliche und nicht ausschlaggebende Weise, und nur um des eigenen Stammes willen. Nicht um sie kümmert sich Jahve, sondern einzig und allein darum, die Superiorität seines Stammes aller Welt zu zeigen. Man wird vielleicht geneigt sein, diesen Tatbestand als eine Selbstverständlichkeit anzusehen. Wie/ sollte da von Göttern die Rede sein können, wo es keine Götter überhaupt, sondern nur einen einzigen Gott gibt? Aber ist nicht gerade in dieser Selbstverständlichkeit die Wurzel eines Problems enthalten? Der Begriff des einzigen Gottes ist unserem modernen Bewußtsein sehr geläufig. Wer einmal gelernt hat die Vorstellung einer „Natur" zu fassen, dem macht dieser Gottesbegriff keine sonderlichen Schwierigkeiten. Er hat bloß dieser Natur eine persönliche Macht unterzuschieben. Uns ist die Natur nicht mehr ein Tummelplatz disparater Gewalten, wie sie allerdings unseren wahrnehmenden Sinnen erscheint. Wir haben bereits gelernt, die in der Natur wirkenden Kräfte in den Begriff einer alles durchdringenden Energie aufzulösen. Allein dem Bewußtsein des antiken Menschen mußte der Begriff des einzigen Gottes ein unvollziehbarer, absonderlicher Gedanke sein. Ueberall, wo er sich nur wendet, stößt er auf verschiedene Erscheinungen, die auf seinen Leib und seinen Geist verschiedene Wirkungen ausüben. Daß hinter allen diesen Erscheinungen eine einzige Macht