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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 225

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Zur Charakteristik der jüdischen Kultur
Date
1913-07-15
Page
Seite 225 (sequence 2)
Language
German
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224: Dr. R. Seligmann, Zur Charakteristik usvv, ^^HlH««H^Mn^^M^^q^^H^^^^^^^4iMH^^I^^^H*^VV«HBW^HH«^H^«wnpWI^^ Immer wenn von Judentum die Rede ist, pflegt man es in der Regel in einen gewissen Gegensatz zum Hellenentum zu bringen. Es ist dies eine Antithese, die in historischen wie sachlichen Motiven tief begründet ist. In zeitlicher Beziehung hielt ja die Entwicklung des hellenischen und jüdischen Geistes fast gleichen Schritt miteinander, und dabei zeigt jede Etappe dieser Entwicklung die Tendenz nach einer entgegengesetzten Richtung. Hellenen- und Judentum stehen also während einer gewissen Periode in der Entwicklung des menschlichen Geistes im Vordergrund des Interesses, Es ist also sehr natürlich, daß man uns immer wieder auf den weiten Horizont der hellenischen Kultur mit ihren wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Interessen hinweist, wobei das nur auf das Religiöse und Moralische abgestimmte Gemüt des antiken Judentums uns in recht engen Grenzen sich zu bewegen scheint Wir übersehen dabei den überaus wichtigen Umstand, daß dieses Hellenentum, das immer wieder zu einem Vergleich herangezogen wird, den Begriff der hellenischen Kultur in seinem ganzen Umfange noch lange nicht erschöpft, daß wir nur eine recht späte und gut ausgereifte Phasis in der Entwicklung des hellenischen Geistes uns zum vorbildlichen Muster nehmen, daß wir nur gewisse einzelne, wenn auch sehr prägnante Aeußerungen einer Kultur dem Ganzen dieser Kultur substituieren. Es ist gewiß sehr begreiflich, daß wir den Anbeginn der hellenischen Kultur von ihren ersten auf uns übergegangenen Denkmälern, von Homer und der Vorsokratik, datieren; wir lassen aber dabei die Tatsache außer acht, daß dieser nachhomerischen Kulturphasis eine andere lange Periode voraufging, von der wir allerdings so gut wie nichts besitzen, die aber nichtsdestoweniger existierte. Und alles, was wir darüber wissen, spricht dafür, daß die Kultur dieser Periode sich vorwiegend in Vorstellungen religiöser Natur bewegte. Diese Vorstellungen wurzelten im Ahnenkultus, in der Verehrung verstorbener Seelen, und dieser Ahnenkultus kommt auch in der nachhomerischen Periode in mannigfachen Gestalten, im Heroenkult, in der Verehrung chitonischer Götter, wieder zum Vorschein. Wenn man also die vorhomerische Kulturperiode zum Hellenentum mitrechnen soll, so werden wir uns sagen müssen, daß auch die Kultur der antiken Hellas von einem religiösen Zug getragen wird. Daß Anschauungen und Werte religiöser Natur allein imstande sind, eine nach Jahrtausenden rechnende hohe Kultur eines ganzen Volkes zu imprägnieren, das können wir sehr gut an den Indern beobachten. Die Kultur des indischen Volkes trägt bis auf den heutigen Tag einen vorwiegend religiösen Charakter; und die Anfänge dieser Kultur erstrecken sich auf 1500 v. Chr., in die Zeit der Rigwedahymnen. Aus religiösen Zeremonien und Riten entwickelte sich die ganze indische Kultur

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